Skeyfare

14. April 2022, 09:41:11
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Skeyfare » Allgemeines » Literarischer Polyeder » Houellebecq!

Autor Thema: Houellebecq!  (Gelesen 6152 mal)

Offline Chacota

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Houellebecq!
« am: 30. August 2003, 12:14:58 »
So, ihr Lieben, auf in die zweite Runde: Wer hat denn das Leben unseres Software-Betreuers in Paris noch verfolgt?
Und wer kann mir sagen, ob es seinen Kollegen Tisserand wirklich gab oder ob er nur ein Spiegelbild unserer Haupterperson war, denn das Gefühl hatte ich so manches Mal.

Vielleicht als Vorgeschmack: Ich habe es bis Seite 90 verschlungen, danach gequält, habe also eine sehr ambivalente Beziehung zu dem Buch . . .
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Offline Makkharezz

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« Antwort #1 am: 30. August 2003, 17:48:18 »
Ich hab's auch gelesen und habe auch eine ambivalente Beziehung. Aber meine geht anders: Immer wenn nicht die Lebensgeschichte von unserem Informatiker erzählt wird, sondern auf der Ebene der Fabeln über Liebe und was auch immer philosophiert wird, hat sich mein Gehirn sofort ausgeklinkt. Im Ernst, sobald ich einen Absatz gelesen hatte, habe ich sofort vergessen, was drinstand. Ich werde versuchen, der Diskussion trotzdem irgendwie zu folgen.
Was Tisserand angeht, finde ich Chaco's Idee ganz interessant. Bisher hatte ich das eher so gesehen, dass ein Vergleich zwischen den beiden angestrebt wird, so dass man sich fragen kann: Wer von den beiden ist eigentlich der größere Verlierer? T, weil er noch erfolgloser erscheint oder unser Anti-Held, weil er längst resigniert hat? Wie kommt es, dass er weiterlebt, während T. umkommt? Oder liegt das nur daran, dass er weder  den Mut hat, sein Leben zu beenden noch die Kraft, es zu ändern?
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Offline Holgi

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« Antwort #2 am: 31. August 2003, 15:06:13 »
Ich denke, daß Tisserand schon eine reale Figur ist. Und was die Frage anbetrifft, wer der größere Verlierer ist: Nur wer kämpft, kann verlieren, und Tisserand kämpft. Unser Informatiker hingegen hat den Kampf schon vor einiger Zeit aufgegeben und nimmt am Leben nur noch als zynisch-distanzierter Beobachter teil. Er versucht letztlich, Tisserand zu Stellvertreterhandlungen zu animieren, da er selbst zu echter Leidenschaft nicht mehr fähig ist. Das Buch selbst ist natürlich alles andere als ein klassischer Roman. Wer schon einmal Interviews mit Houllebecq gelesen hat, weiß, daß in dem Buch sehr viele persönliche Ansichtten des Autors stecken. Die Analysen des Informatikers/Autors sind mit Sicherheit sehr zugespitzt, aber nicht von der Hand zu weisen. Das Buch beschreibt den "Preis", den wir für unsere "moderne", enttabuisierte Gesellschaft zahlen. Ich habe das Buch mit einer Mischung aus Faszination und Ekel gelesen. Das als erstte Anmerkungen. Morgen werde ich noch ausführlicher Stellung nehmen.

Offline Chacota

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« Antwort #3 am: 01. September 2003, 19:29:31 »
Oh je, mit den Fabeln ging es mir genauso, ich konnte mich einfach nicht darauf konzentrieren.
Auf T. Pseudoidentität bin ich gekommen, weil er recht genau beschrieben wird (hässlich, kein Erfolg bei Frauen etc.), wir von der Ich-Person aber keinerlei Hinweise bekommen, warum er keine Freunde hat usw., ausserdem "stirbt" er für mich auch nach T- Tod, sein Untergang dauert nur etwas länger.
Der dritte Teil, wo seine Deprssion dann richtig ausbricht und er im Sanatorium unterkommt ist für mich zu schnell runtergeschrieben, da hat H. seine so "brilliante" Erklärung unserer heutigen Welt hinter sich (manchmal etwas moralisierend, aber immer nah an der Wahrheit für mich) und will das Buch zu irgendeinem Abschluss bringen. Nicht sehr gelungen. Was er in den beiden Teile davor beschreibt ist faszinierend, vor allem die Sprache, die er dabei benutzt - es hat mich nie gelangweilt, obwohl die langweiligsten Sachen der Welt beschrieben werden: er fährt zu einem Fortbildungsseminar und versteht sich mit der Mitarbeiterin vor Ort anfangs nicht . . . hat mich plötzlich interessiert!
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Offline Holgi

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« Antwort #4 am: 01. September 2003, 23:14:03 »
Du hast Recht, Chaco, das Ende hätte stimmiger sein können. Vielleicht hätte H. auf die Enddramatik verzichten sollen, um den Roman im Nichts enden zu lassen. Schließlich beginnt der Roman ja auch im Nichts des Alltäglichen. Ich finde es faszinierend, daß H. etwas so Banales wie den Alltag eines Informatikers zum Gegenstand seines Buches macht und daß es ihm doch gelingt, den Leser  zu fesseln. Schließlich besteht ja auch ein Großteil unseres Alltags aus Banalitäten, wenn sie auch (hier kann ich zumindest für mich sprechen) natürlich nicht so grau und trist sind wie die Erlebnisse der Hauptperson. Selbst in einer Weltstadt wie Paris kann es langweilig sein- ist das nicht irgendwie beruhigend? Wo bleibt das Savoir Vivre?  Das Buch ist insgesamt etwas roh und ungeschliffen. Manches wird nur kurz angerissen, der Autor schweift streckenweise ab. Aber so ist das Leben. "Plattform" z.B. ist um einiges ausgereifter. Doch das Rohe, Ungeschliffene macht die Lektüre ja auch interessant. Aber wie steht es denn mit der Zentralthese, der Welt als Kampfzone. Trifft sie zu? Chaco und ich stimmen zu, wie sieht es mit den anderen aus? Hat Euch das häßliche Buch die Sprache verschlagen? Und was mich noch interessiert, speziell von unseren Teilnehmerinnen. H. wird von beträchtlichen Teilen der Öffentlichkeit vorgeworfen, Frauenfeindlichkeit zu predigen. Zutreffend oder Totschlagargument? Und ist H. ein Zyniker oder gar ein Nihilist? Meine Meinung: Zyniker ja, aber kein Nihilist. Denn Niihilisten schreiben keine Kampfschriften mehr und haben auch nicht mehr den Ehrgeiz,, zu provozieren oder etwas zu verändern.

Offline Makkharezz

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« Antwort #5 am: 02. September 2003, 16:24:14 »
Hm, vielleicht bin ich da nicht sensibel genug (oder liegt es an den Passagen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann?:zzz ) , aber für mich geht es in dem Buch nicht um eine Chauvinistische Problematik. Dass der Autor aufgrund der Lebenseinstellung seines Protagonisten frauenfeindlich sein soll, finde ich nicht wirklich. Wenn man es so sagen kann, ist die Hauptfigur menschenfeindlich an sich. Er weiß scheinbar nicht, wie er mit anderen Menschen umgehen soll, und seine Meinung über die Männer, die in dem Buch vorkommen, ist nicht viel besser als die über die Frauen. In meinen Augen hat der Mensch (also der Charakter, nicht der Autor) Probleme mit Emotionen an sich, und dass solche Leute ihre Unzulänglichkeit über Frauenfeindlichkeit kompensieren, ist ja nichts Neues.
Ob der Autor nun irgendwelche Botschaften in Richtung Frauenfeindlichkeit loswerden will, weiß ich nicht. Kennt jemand Biografie oder Sekundärliteratur?
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Offline Chacota

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« Antwort #6 am: 02. September 2003, 21:08:30 »
Wegen Sekundärliteratur: Nein, da habe ich mich noch nicht schlau gemacht, einfach weil es viele eigene Ideen im Vorhinein abtötet, erstmal will ich schwelgen und dann gucken, was andere in dem Buch gefunden haben.
Frauenfeindlichkeit: Nein, weder in diesem Buch noch in "Elementarteilchen" kann ich Frauenfeindliches entdecken. Makki hat recht, beide Geschlechter kommen nicht gerade gut weg.
Nihilist: Nein! Da ist einer, der das Fehlen seiner Emotionen zutiefst bedauert, denn er ahnt, dass das Leben ja mehr zu bieten haben könnte, wenn er ihm nur gelänge, an das Geheimnis heranzukommen!
Grauer Alltag: Woran liegt es aber, dass wir ein ähnliches Leben führen, das gefüllt ist mit Lebensfreude; was ist unsere Hauptperson denn da abhanden gekommen? Da stehe ich noch etwas ratlos davor.

Seine These finde ich interessant: Wirtschaft und Sexualität als erweiterte Kampfzonen anzusehen. Wie kommt er darauf? Meint er tatsächlich, T. sei im Job erfolgreich und im Sex nicht? Ich finde nicht, dass T. im Job Erfüllung findet, er selber erst recht nicht. H. versucht uns da ja seine Theorie der heutigen Gesellschaft zu verdeutlichen . . .
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Offline Holgi

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« Antwort #7 am: 04. September 2003, 00:06:29 »
Das mit der Sekundärliteratur sehe ich ähnlich wie Chaco. Gerade seitdem ich Schule und Uni hinter mich gebracht habe,, will ich mir von niemandem mehr sagen lassen, was ich zu denken habe. Erst bilde ich mir mein eigenes -naturgemäß unvollkommenes- Bild. Sekundärliteratur kann dann allerhöchstens abrunden. Und eine gute, offene Diskussion ist ohnehin durch nichts zu ersetzen. Apropos Diskussion: Ich weiß,, daß Erwin das Buch durchgearbeitet hat. Allerdings ist er zur Zeit ja bekanntlich auf fremden Kontinenten unterwegs. Da sollten wir ihm noch etwas Zeit geben, um seinen Senf dazugeben zu können. Aber wo ist der Master aller Boards? Wollen wir jetzt erst einmal in kleiner Runde weiterdiskutieren, oder wollen wir warten, bis wir vollständig sind? Es gibt noch so viel zu sagen. Aber es würde bestimmt hilfreich sein, wenn wir alles ein wenig durchstrukturieren würden. Näheres -nach EM-bedingter Abwesenheit- am Mittwoch oder am Donnerstag.

Offline Holgi

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Replying to Topic 'Houellebecq!'
« Antwort #8 am: 04. September 2003, 00:17:54 »
Noch ein Wort zu Chacos letztem Post: Wie H. auf seine These kommt? Schau Dich doch mal in unserer Gesellschaft um. Genauso funktioniert´s. Und oft genug gilt -auch wenn es natürlich eine Plattitüde ist- Geld/Erfolg macht sexy. Aber der arme Tisserand: Leider ist er so unattraktiv, daß auch sein gewisser beruflicher Erfolg ihm nichts nützt. Und der unbedingte Glanz ist mit seiner Tätigkeit ja auch nicht verbunden. Wenn er jetztt Chirurg wäre oder IT-Millionär. Aber landwirtschaftliche Programme in den Provinzbehörden zu erläutern...naja. Haut einen ja nicht wirklich vom Stuhl. Übrigens: Heute werden ja sogar Aktien -wenn die "Performance" stimmt-als "sexy" bezeichnet. Wenn das kein Zusammenhang ist. Und woher kommen denn die ganzen "Fit for Funs", "Lady´s Fitness", "Men´s Health- In drei Tagen zum Waschbrettbauch" mit ihren schicken englischen Namen? Ist doch klar. Der hilflose Fußsoldat greift doch nach jedem Strohhalm, um sich in der kalten, seelen- und gottlosen Kampfzone zurechtzufinden. Wahre Worte, gelassen ausgesprochen. Doch zum Glück sind es -bis jetzt- nur Tendenzen.