Skeyfare

25. November 2020, 06:57:12
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Skeyfare » Andere Welten » Unmoderierte Welten » Changeling - Snowball in Hell

Autor Thema: Changeling - Snowball in Hell  (Gelesen 55872 mal)

Offline Makkharezz

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Changeling - Snowball in Hell
« am: 19. April 2012, 21:54:59 »
San Diego, 10.12.1999

Tief in ihre Gedanken versunken steht Aimée da, die Arme eng um ihren Oberkörper geschlungen, den Blick in die Ferne gerichtet, während der frische Wind ihre Haare durcheinander wirbelt. Plötzlich schreckt sie auf, reißt den Kopf herum, hält rechts und links nach Gefahren Ausschau, nach dem Anlass für ihre Reaktion. Aber sie kann keine Bedrohung ausmachen, sieht um sich herum nichts als die makellose Schneedecke, die in der tief stehenden Sonne glitzert, und das Meer, auf dem Schaumkronen tanzen.

Nein, nein, nein, korrigiert sie sich, kein Schnee. Es ist Sand, der in der Sonne fast ebenso hell strahlt. Sie ist am Strand, am Mission Beach, in San Diego. Zuhause. Aimées Atem wird langsamer, und ihr klopfendes Herz beruhigt sich wieder. Nur – warum fühlt es sich dann nicht an wie Zuhause? Wieso kommt sie sich so fehl am Platz vor? Seit wann stört es sie, mitten im Dezember im strahlenden Sonnenschein im T-Shirt am Strand zu stehen? Dennoch irritiert es sie, dass es hier keinen wirklichen Winter gibt, und sie spürt Ärger in sich aufsteigen, ohne recht zu wissen, was sie mit diesem Gefühl anstellen soll.

Inzwischen berührt die Sonne schon fast den Horizont. ‚Es muss bestimmt fast fünf Uhr sein‘, denkt sie, überschlägt im Kopf die Fahrzeit zum Balboa Park und kommt zu dem Ergebnis, dass sie bald aufbrechen muss, um pünktlich am Treffpunkt zu sein. Auch wenn sie den anderen Changelings in der Stadt noch mit großer Zurückhaltung und einer gesunden Portion Misstrauen begegnet, will sie sich Ricky Dextrous‘ Vorschlag zumindest anhören. Vielleicht ist es kein schlechtes Geschäft. Vielleicht kann sie sich damit eine wertvolle Gefälligkeit erkaufen, die sie sich für einen Notfall aufsparen kann.
« Letzte Änderung: 22. April 2012, 19:57:44 von Makkharezz »
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Offline Chacota

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #1 am: 20. April 2012, 14:29:46 »
Aimee tritt den Rückweg zum Parkplatz an, dann bleibt sie unvermittelt stehen und starrt auf ihre Sandalen. Warum habe ich Sandalen an? Wieder steigt Ärger in ihr hoch, sie schüttelt den Kopf um das Gefühl loszuwerden und hört das Klimpern und Klirren der Eiskristalle in ihrem Haar und spürt das Gewicht ihrer im Eis eingefrorenen Wimpern.

Am Auto angekommen beeilt sie sich, schleudert die Sandalen von ihren Füßen und sucht im Kofferraum nach ihren Laufschuhen. Besser!
Vorsichtig fädelt sie sich in den Nachmittagsverkehr ein und kommt 10 Minuten zu früh am Balboa Park an. Sie begibt sich sogleich zum Treffpunkt, dem Seerosenteich und meidet die Touristengruppen, die sich gegenseitig vor dem steinernen See ablichten. Sie zuckt zusammen, als ein Blitzlicht sie trifft und duckt sich unwillkürlich, richtet sich dann rasch wieder auf und blickt sich hektisch um, ob jemand ihre Reaktion bemerkt hat.
Schließlich sucht sie sich eine leere Bank, setzt ihre Sonnenbrille auf und beobachtet die Menschen um sich herum, auf der Suche nach anderen Changelings. Weiss ich, ob er mir nicht nur eine Falle stellen wollte?
\„Es gibt nichts mehr zu beginnen, nichts zu entscheiden. Ich muss es nur noch vollenden.“\

Offline Makkharezz

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #2 am: 20. April 2012, 18:45:37 »
Inzwischen ist es fast sechs Uhr, und während Aimee noch im Dämmerlicht die Cabrillo-Bridge überquert hatte, ist es nun schon richtig dunkel, und die Laternen werfen ihre Lichtkegel auf die geteerten Wege. Selbst gegen Abend sind noch viele Leute im Park unterwegs, zumindest hier im Zentrum.

Ihr Blick fällt auf das Kunstmuseum, das sie von ihrer Bank aus direkt im Blick hat. Hat sie auf dem kleinen Seitenbalkon nicht gerade eine Bewegung gesehen? Hat Ricky sich etwa dort oben versteckt und versucht auf sich aufmerksam zu machen? Eigentlich hat sie wenig für solche Spielchen übrig, aber vielleicht hat der Changeling einen guten Grund dafür, sie an eine Stelle zu lotsen, wo sie vor den Blicken der Menschen etwas besser geschützt sind. Also steht sie auf und schlendert auf die andere Seite des Teiches zu dem Gebäude, während sie aufmerksam das Geschehen um sie herum beobachtet.

Aimee behält auch den Balkon im Blick, kann im Moment aber niemanden sehen. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Eine Gestalt erscheint dort oben, schwingt sich über die Brüstung und lässt sich mit einem Ächzen in das Blumenbeet vor dem Museum fallen, keine drei Yards von Aimee entfernt.

Trotz der diffusen Beleuchtung kann Aimee deutlich sehen, dass sie einen Changeling vor sich hat, einen jungen Kerl, der am ganzen Körper mit geflecktem Fell bedeckt ist, und dessen Gesicht in eine längliche Schnauze ausläuft. Sie kann sich nicht erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben.

Mit ungeschickten Bewegungen rappelt sich der Springer auf und schaut sich gehetzt um, denn von der anderen Seite des Gebäudes sind schnelle Schritte zu hören. Der Fremde greift nach Aimee und krallt seine Finger mit erstaunlicher Kraft in den Stoff ihrer Jacke. „Es darf ihnen nicht in die Hände fallen“, japst er atemlos und drückt ihr eine bunt bedruckte Stofftasche in die Hand. Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hat, rennt er los, als wäre der Teufel hinter ihm her.
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #3 am: 21. April 2012, 11:46:44 »
Einen Moment lang ist Aimee allein durch die warme Berührung wie erstarrt, dann macht sie unwillkürlich einen Schritt zurück um wieder auf dem Weg zu stehen und versteckt den Stoffbeutel unter ihrer Jacke. Rasch blickt sie hoch zu dem Balkon, ob sie etwaige Verfolger ausmachen kann, dann wendet sie sich wieder um und will dem Gefellten eine Frage zurufen, doch sie kann ihn nicht mehr ausmachen. Ist es eine Falle? Und wo ist Ricky?"

Wieder läßt sie den Blick schweift und sucht nach dem ihr bekannten Changeling; dann erinnert sie sich wieder an die Stofftasche.
Noch einmal sieht Aimee sich um, dann tritt sie rasch in den Schatten des Museums und blickt vorsichtig auf den Inhalt des Beutels.
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Die Schneekönigin

Offline Makkharezz

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #4 am: 21. April 2012, 19:41:23 »
Oben auf dem Balkon ist nichts weiter zu sehen, aber kaum hat Aimee die Schritte der Verfolger gehört, biegen sie auch schon um die Ecke des Museums. Es sind zwei Oger, einer von ihnen groß, muskelbepackt und glatzköpfig, der andere eine Handbreit kleiner als Aimee und drahtig, aber mit furchteinflößenden scharfen Klauen. Es dauert eine Sekunde ehe sie sich einen Überblick über den Platz mit dem Dutzend Menschen verschafft haben, dann entdecken sie den Flüchtigen, der am Seerosenteich vorbei in das Botanische Gebäude läuft.

Aimee wundert sich, warum er in die metallene Konstruktion flieht, denn allein der Gedanke an die eisenhaltige Legierung verursacht ihr Unbehagen. Auch ist es klein und bietet abgesehen von den tropischen Pflanzen keine Versteckmöglichkeiten. Aber dann fällt ihr ein, was es damit auf sich hat: Dort drinnen befindet sich ein Tor zur Hecke. Das scheint auch den Ogern klar zu sein, denn sie wechseln einen kurzen Blick und rennen dann hinterher, ohne sich um die neugierigen Blicke der Parkbesucher zu kümmern.

Ein schneller Blick in die Stofftasche lässt ein Buch im DIN A5-Format erkennen, das einen dicken lederartigen Einband hat, fast wie Schlangenhaut, allerdings in einem Violett-Ton, der in der Natur so wohl nicht vorkommen dürfte.
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #5 am: 22. April 2012, 13:34:51 »
Eine Flut an Gedanken schießt ihr durch den Kopf, so dass sie für einen Moment keinen von ihnen fassen kann, sie lehnt sich an die Mauer in ihrem Rücken und spürt die angenehme Kälte. Nein, sie ist warm. Langsam ordnen sich ihre Gedanken.
Wer waren die beiden Changelings, würden sie jetzt sie verf0lgen? Aber sie hatten sie nicht bemerkt, sondern waren dem Gefellten gefolgt. Hatte sie hier etwas Wertvolles in der Hand? Etwas, mit dem sie vielleicht ein wirklich gutes Geschäft abschließen könnte!

Noch einmal wirft sie einen aufmerksamen Blick auf die Menschen um sich herum und sucht sich dann ein noch dunkleres Plätzchen, holt das Buch vorsichtig aus der Tasche und schlägt es auf.
« Letzte Änderung: 22. April 2012, 13:36:32 von Aimee »
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Offline Makkharezz

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #6 am: 22. April 2012, 19:59:40 »
Die Seiten sind aus dickem Papier, fast wie Pergament, und es ist schwer zu erkennen, wie alt das Buch ist. Wahrscheinlich hat es aber schon einiges mitgemacht, denn es knirscht beim Öffnen, einige Seiten sind gewellt, als wäre das Buch einmal nass geworden. Außerdem flattern Aimee einige lose Blätter aus dünnerem weißen Papier entgegen, die jemand in das Buch gelegt hat.

Auf der ersten Seite steht ein Gedicht:

    If you see a faery ring
    In a field of grass,
    Very lightly step around,
    Tip-toe as you pass,
    Last night faeries frolicked there-
    And they're sleeping somewhere near.
    If you see a tiny faery,
    Lying fast asleep
    Shut your eyes and run away,
    Do not stay to peek!
    Do not tell
    Or you'll break a faery spell.


Die Worte schicken Aimee auf eine Zeitreise: Sie ist blutjung, in ihrem ersten Semester am College, voller Begeisterung, voller Erwartungen an ihre Zukunft. Lange Zeit hatte sie dieses Shakespeare-Gedicht vergessen, denn damals hatte es für sie keine große Bedeutung. Aber jetzt sieht sie es ganz klar vor sich: Ihre erste Vorlesung in englischer Literatur, bei Professor Harding. Sie saß in der dritten Reihe, ganz links, und sie trug einen roten Blazer mit lächerlich großen Schulterpolstern, wie sie in den Achtzigern modern waren, und eine Dauerwelle. Der Professor schaltete den Tageslichtprojektor ein, und das Gedicht erschien auf der Leinwand.

„Hier versteckst du dich also, ich habe dich drüben bei den Seerosen gesucht.“ Rickys Stimme reißt Aimee aus ihren Erinnerungen. Sie schaut auf und sieht ihn über die Mauerkrone lugen, hinter der sie sich vor neugierigen Blicken verbergen wollte.
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #7 am: 23. April 2012, 15:29:08 »
Aimee schrickt zusammen, zwingt sich aber, das Buch ganz beiläufig zusammenzuklappen und ganz offensichtlich in die Stofftasche zu stecken, dabei bemüht sie sich um einen beiläufigen Ton. "Es war zuviel los am Teich. Wer weiss, wer sich dort alles herumtreibt."

Sie macht einen Schritt aus dem Schatten der Mauer hervor und ihr Blick fällt auf die Blätter, die auch dem Buch herausgefallen waren. Automatisch bückt sie sich und läßt ihre Augen über die Seiten schweifen ehe sie sie in die Tasche stopft.
Ihr läuft ein kalter Schauer über den Rücken als sich die Worte des Gedichtes wieder in den Vordergrund drängen und für eine Moment muss sie stehenbleiben um nicht die Fassung zu verlieren. Shut your eyes/run away - die Stimme Hardings, die amüsiert fragt 'welche Assoziationen, meine Damen und Herren, rufen diese Worte in Ihnen hervor?' KÄLTE, grausamste KÄLTE!
Doch sie spürt auch den harten Holzsitz unter sich, das Rascheln ihrer Notizen und das Tuscheln der Kommilitonen. Ich lebe noch!
Und mit ungeahnter Energie in der Stimme ruft sie leise zu Ricky hinauf: "Komm runter und erzähl mir, was du mir zu bieten hast." Sie grinst hinauf und hofft, dass Ricky es in der Dämmerung sieht.
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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #8 am: 23. April 2012, 18:26:22 »
Flink springt der Verlorene zu ihr hinunter und tippt sich zum Gruß an den Schirm seiner Baseball-Kappe, neben der seine großen spitzen Ohren hervorragen. „Bist schon neugierig, was?“ fragt er mit einem ebenso breiten Grinsen. Aber dann wird er ernst und schaut sich prüfend um, ob auch niemand sie belauschen kann. „Einen Job hab ich zu bieten“, verrät er mit gedämpfter Stimme. „Die Jungs und ich haben am Wochenende eine kleine Aktion vor und könnten dabei deine Hilfe gebrauchen.“ Aimee nimmt an, dass er mit den „Jungs“ den Trupp aus fünf Changelings meint, mit denen Ricky sich zusammengeschlossen hat – darunter übrigens auch zwei Frauen.

„Wir wollen uns in die Firma von einem Typen einschleichen, aber tagsüber, und wir wollen sichergehen, dass er zu dem Zeitpunkt unterwegs ist und wir es nur mit seinen Angestellten zu tun haben. Deine Aufgabe wäre, ihn beschatten und uns zu warnen, falls er zur Firma zurückkommt.“

Er breitet in einer gönnerhaften Geste die Arme aus, als würde er Aimee damit einen großen Dienst erweisen. „Wenn du dich bereit erklärst, uns diesen kleinen Gefallen zu tun, würden wir uns revanchieren.“ Mit seinem besten Verkäufer-Lächeln fragt er: „Was ist, es gibt doch bestimmt etwas, was wir für dich tun könnten, he?“
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #9 am: 24. April 2012, 20:21:04 »
Aimee ist so erleichtert, dass Ricky nichts mit dem seltsamen Buch zu tun hat und anscheinend auch nicht bemerkt hat, welches Interesse sie daran hat, dass sie ihm ein breites, durchaus anzügliches Lächeln schenkt und dann knallhart zurückfeuert: "Sicher, doch, mein Lieber. Und sobald du mir gesagt hast, um wen es sich handelt, wie gefährlich der Mensch ist und wie lange ich den Job für euch tun soll werde ich dir mitteilen wie teuer es wird."
Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit, diesen Fench, der meinen Platz eingenommen hat, ein wenig auf den Zahn zu fühlen. In ihre - meine! -Wohnung zu kommen und dort ein wenig herumzuschnüffeln, wäre schonmal ein Anfang! SIE FÜHRT MEIN LEBEN!

Unwillkürlich blitzt etwas ihrer inneren Kälte durch als sie laut hinzufügt: "Was du als ja interpretieren darfst."

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Offline Makkharezz

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #10 am: 25. April 2012, 17:44:02 »
So viel wie Aimee gern hätte, gibt Ricky dann doch nicht über den Menschen preis, den sie beschatten soll. Er zeigt ihr ein Foto und sagt, sein Name sei Coll Parton, und er habe Downtown eine Anwaltskanzlei. Wenn es stimmt, was der Changeling behauptet, dann geht von ihm keinerlei Gefahr aus. Außerdem soll Aimee ihn nur für ein paar Stunden beobachten, während denen er wahrscheinlich einige Termine im Gericht und bei Kunden wahrnimmt. Dabei muss Aimee ihn nicht bespitzeln, sondern nur beobachten, wo er sich aufhält, um sicherzustellen, dass er nicht ins Büro zurückkommt.

Da Aimee sich seit ihrer Rückkehr wieder über das politische Geschehen informiert, kommt ihr der Name bekannt vor. Kurz darauf fällt es ihr auch wieder ein, wo sie von ihm gelesen hat: In vier der neun Distrikte von San Diego stehen demnächst Wahlen an, bei denen die jeweiligen Sitze im City Council neu besetzt werden. Einer der Kandidaten ist Coll Parton. Ein ganz so normaler Bürger wie Ricky sie glauben machen will, ist er also nicht.

Natürlich wird um den Preis geschachert. Nach einigem Hin und Her kann Aimee die von ihr geforderte Gegenleistung durchsetzen, und außerdem lässt Ricky anklingen, dass er durchaus bereit ist, etwaige Informationen anzukaufen, die Aimee bei ihrer Observation aufschnappen kann. So wird der Handel mit einem kurzen magischen Ritual besiegelt.

Schließlich tippt Ricky sich wieder an die Mütze. „Ich muss flitzen, hab noch ein paar Dinge zu erledigen. Wir sehen uns Montag.“

[Kleine Korrektur: Zunächst hatte Ricky ja vom kommenden Wochenende gesprochen. Das ist aber Quatsch, denn er will ja während der Öffnungszeiten in die Firma. Also wird das Ganze erst am Montag stattfinden. Heute ist Freitag]

Er ist schon ein paar Schritte entfernt, als er sich nochmal umdreht. „Pass auf dich auf, ja?“ sagt er, und obwohl er dabei fröhlich winkt, klingt es weniger nach einer Floskel als nach ehrlicher Besorgnis.
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #11 am: 25. April 2012, 21:39:37 »
Aimee, die Stofftasche unter den Arm geklemmt, sieht verblüfft hinter Ricky her, kann sich jedoch nicht überwinden ihn noch einmal anzusprechen und so winkt sie Ricky lediglich.
Kaum ist Ricky um die Mauerecke verschwunden sieht sie sich genau um ob sie irgendwo den Gefellten und seine Verfolger noch finden kann. Einen Moment spielt sie mit dem Gedanken, einen Blick ins Botanikum zu werfen, aber wenn der Verfolgte es in die Hecke geschafft haben sollte könnte er jetzt quasi überall sein.

Auf dem Rückweg zum Auto überlegt Aimee, am Wochenende bereits einen kurzen Blick ins Gericht zu werfen um sich mit der Umgebung bekannt zu machen. Ausserdem nimmt sie sich vor, sich im Internet über Coll zu informieren.

In ihrem Appartment angekommen stellt Aimee wie immer automatisch die Klimaanlage an, sie kann einfach besser denken wenn es kühl ist. Sie schleudert die Turnschuhe von den füßen und betritt mit nackten Füßen die kleine Küche. Vorsichtig entnimmt sie das Buch und die losen Seiten der Stofftasche und legt beides auf den Küchentisch. Sie gießt sich ein Glas Weißwein ein, riecht genießerisch daran und während sie den ersten Schluck nimmt schlägt sie das Buch ein zweites Mal auf.
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Offline Makkharezz

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #12 am: 26. April 2012, 18:34:11 »
Als Aimee das Buch aufschlägt, fällt ihr Blick noch einmal auf das Gedicht auf der ersten Seite. Doch dieses Mal ist sie darauf vorbereitet, und ihre Gedanken schweifen nicht in die Vergangenheit ab. Schon deshalb nicht, weil sie viel zu neugierig ist, was für einen Fund sie in den Händen hält.

Ein flüchtiges Durchblättern zeigt ihr, dass nicht nur das Gedicht mit der Hand geschrieben wurde. Es handelt sich nicht um ein gedrucktes Buch, sondern eher ein Notizbuch, dessen Seiten mit Tinte oder Kugelschreiber ausgefüllt wurden. Einige Einträge sind sehr sorgfältig vorgenommen, worden, andere wirken hastig hingekritzelt. Sie erkennt verschiedene Handschriften, und ihr Blick fängt sogar einen Eintrag ein, der in fremden Schriftzeichen verfasst ist, die vielleicht arabisch sein könnten. Auch ein paar Zeichnungen sind zu erkennen, die auf den ersten Blick nach Schaubildern wie in wissenschaftlichen Fachbüchern aussehen.

Aimee schlägt wieder die erste Seite auf, blättert einmal um und beginnt zu lesen:

Wer bin ich? Was bin ich? Jeder, der durch die Hecke gekommen ist, hat sich diese Fragen schon gestellt, und Meinungen dazu gibt es fast mehr als Verlorene. Ein Mensch, dessen Verwandlung in eine Fee unterbrochen wurde, und der nun auf halber Strecke zurückgeblieben ist, unvollkommen, keiner der beiden Welten zugehörig? Ein Verdammter, dessen Seele bei seiner verzweifelten Flucht durch die Dornen zerfetzt wurde, so dass ihm nun jede Hoffnung auf Erlösung genommen ist?

Mir selbst ist eine andere Frage wichtiger. Können wir nicht selbst entscheiden, was wir sein wollen? Sollten wir nicht an einer Gabelung stehen, mit der Möglichkeit, wieder zu unserem früheren Ich zu werden und in unser vertrautes Leben zurückzukehren oder aber das neue zu führen, das wir uns hinterher aufgebaut haben, mit all seinen Risiken und Chancen?

Ich bin selbst nicht sicher, wie ich mich entscheiden würde. Aber ich bin sicher, Gott hat uns einen freien Willen gegeben, damit wir eine solche Wahl treffen können. Nur den Weg zur Verwirklichung der einen Möglichkeit haben wir noch nicht gefunden. Oder kannten wir ihn und haben ihn nur wieder vergessen? War es vielleicht die Furcht davor, wieder ein ganz normaler Mensch zu sein, ohne den Schmerz und die Verwirrung, aber auch ohne die Schönheit und den Zauber des Feendaseins?

Ich will mich damit nicht zufrieden geben. Ich will eine Wahl haben, und dafür widme ich von nun an meine ganze Kraft, zu dieser Weggabelung vorzustoßen.


ﻰﻊككﻰﭨݓشݭﻖ ﻰﭨ  ݓ ككﻰﭨݓﻐﻴﻷﻭﻫﺏﺞﺰﺧ ﻊ  ككﻰﭨݓشݭﻖ ﻰﭨݓ   ككﻰﭨݓ

Al-Ghazali, März 1975

Ist es wirklich das, wonach es aussieht? Sucht der Autor tatsächlich nach einem Weg, einen Changeling wieder in einen normalen Menschen zurück zu verwandeln? Keiner der Verlorenen die Aimee bisher getroffen hat, glaubt an eine solche Möglichkeit.

Voller Ungeduld blättert Aimee durch das Buch, mit dem Ziel,  hier und da eine Stelle zu lesen, um schnell herauszufinden, ob der Autor mit seiner Suche tatsächlich Erfolg hatte. Das gestaltet sich aber gar nicht so leicht. Statt zielstrebig und strukturiert vorzugehen, lesen sich manche Einträge wie philosophische Abhandlungen, die wenig konkreten Inhalt zu haben scheinen. Bei anderen verfolgt Al-Ghazali eine Frage, nur um drei Sätze weiter zu einem Randgedanken abzuschweifen und sich drei Seiten lang über diese Nebensächlichkeit auszulassen.

Viel seltsamer scheint ihr aber etwas anderes: Sie findet im Buch unterschiedliche Handschriften und Schreibstile. Manchmal scharfsinnig und knapp, dann wieder ausschweifend, oder auch regelrecht kindlich. Zuerst glaubt sie, dass verschiedene Personen an dem Buch geschrieben haben. Aber dann findet sie zum wiederholten Mal eine Stelle, an der sich mitten im Satz die Handschrift ändert, und offensichtlich mit demselben Füllfederhalter weitergeschrieben wird. Als sei das nicht genug, sind manche Passagen nicht in Englisch verfasst, nicht einmal in lateinischen Buchstaben, sondern in Schriftzeichen, die vielleicht arabisch sein könnten.

Auch die Zettel, die in dem Buch gelegen haben, schaut Aimee sich nun genauer an. Auf dem ersten findet sie wieder das Shakespeare-Gedicht, dieses Mal aber mit einigen Randbemerkungen. [s. Handout] . Der zweite Zettel zeigt etwas, das wie eine astronomische Himmelskarte aussieht, mitsamt Bezeichnungen für die Sternbilder, allerdings hat Aimee keinen dieser Namen je gehört. Dann gibt es noch ein drittes Blatt. Mit dem kann sie aber noch weniger anfangen. Die Schriftzeichen sind ihr gänzlich unbekannt, anders bei den mutmaßlich arabischen Buchstaben im Buch hat sie nicht einmal eine Ahnung, aus welcher Kultur diese Symbole stammen könnten.

Lange Zeit ist Aimee in die Aufzeichnungen versunken, liest über Magie und Rituale, die einen Changeling von seinem feenhaften Erbe befreien könnten, sie liest Vermutungen über die Macht der Wärter, über Fetches, über die Natur der Hecke und über die Seele der Verlorenen. Irgendwann merkt sie, dass sie einen ganz trockenen Mund hat und das Bein eingeschlafen ist, das sie auf den Sessel gezogen und angewinkelt hat. Kein Wunder, ein Blick auf die Wanduhr zeigt ihr, dass es bereits nach drei Uhr nachts ist. 
« Letzte Änderung: 26. April 2012, 18:49:26 von Makkharezz »
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Offline Aimee

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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #13 am: 27. April 2012, 14:26:06 »
Sie stellt fest, dass die Flasche Weißwein leer ist, daneben eine leere Tüte Erdnüsse und ein paar letzte Taco-Krümel. Du musst dich besser ernähren! fährt ihr unwillkürlich durch den Kopf, aber wo früher sofort ein Ernährungsplan in ihrem Kopf zu reifen begann, schüttelt Aimee nun nur belustigt den Kopf, dann stutzt sie. Ich beginne zu ahnen, was der Autor damit meinte, dass es auch Vorteile hatte, ein Changeling zu sein. Zugenommen habe ich in letzter Zeit nicht. Trotzdem war beim Lesen des Buches in ihr eine solch große Sehnsucht nach ihrem alten Leben erwacht, dass sie schlucken musste.

Eigentlich möchte sie sich zu gerne sofort wieder an den Rechner klemmen und versuchen, die Schrift zu identifizieren, aber sie merkt, wie der Alkohol und der Schlafmangel ihre Augenlider schwer werden läßt. Sie klappt den Laptop zu, versteckt das Buch unter ihrem Kopfkissen und beschließt, morgen Ishaq zu besuchen. Wenn jemand etwas über die arabische Sprache weiss, dann er. Und vielleicht kann er auch mit der Sternenbeschreibung etwas anfangen. Und hinterher werde ich Scarlett besuchen und vielleicht traue ich mich, sie nach dem Gefellten zu fragen.

Am nächsten Morgen, die Schüssel mit den Schokoflakes auf dem Schoß, scannt Aimee die arabischen Schriftzeichen auf ein eigenen Blatt Papier, steckt dies ein, dazu die Himmelskarte und das Blatt mit der unbekannten Schrift.
Das Buch läßt sie in ihrem Korb mit der Dreckwäsche verschwinden und macht sich auf den Weg zu Ishaq.
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Re: Changeling - Snowball in Hell
« Antwort #14 am: 27. April 2012, 19:38:44 »
Sa., 11.12.1999

Ishaqs Buchhandlung liegt in Hillcrest, einem schnuckeligen Stadtteil mit kleinen Läden, Restaurants und Cafés an von Bäumen gesäumten Straßen. Studenten und Künstler fühlen sich in dieser Gegend wohl, und hier ist auch das Zentrum der homosexuellen Gemeinde der Stadt.

Als Aimee den Laden betritt, sieht sie einen einzigen Kunden vor einem Bücherregal stehen, ansonsten ist nur der Inhaber selbst anwesend. Er lächelt breit, als er sie sieht und winkt sie zu sich heran. „Aimee, Zahra, nur herein, herein! Komm, trink einen Tee mit mir!“ Seine Sprache klingt geschliffen, wie die eines Ausländers, der eine Sprache eher aus dem Unterricht als von der Straße gelernt hat. Auch sein Akzent klingt recht deutlich durch und gibt seinem Englisch eine gewisse Härte.

Schon einige Male hat Aimee mit dem Buchhändler lange Diskussionen geführt, denn Ishaq ist nicht nur ein vielseitig gebildeter Mann, sondern hat außerdem viel Spaß daran, mit Kunden über interessante Themen zu philosophieren. Dabei ist er ein Gesprächspartner, der seine Meinung mit viel Geschick und Hartnäckigkeit vertritt, sich dabei aber sehr tolerant und neuen Ideen gegenüber offen zeigt. Trotz dieser Ablenkung scheint es ihm irgendwie zu gelingen, aus seinem kleinen und eher spezialisierten Geschäft Profit zu schlagen.
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