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Die Brennerbande, Teil 104

Die Nachbarn, die Soldrang zur Hilfe geholt hatte, mühten sich redlich, um die trauernde Familie zu versorgen. Sie holten Tiscios Mutter, seine Schwester und Walde ins Haus und versorgten sie. Gunnar jedoch wurde von dem Buttler zurück in die Konditorgasse 23a gezogen, wo der Mann, den Gunnar niedergerannt hatte, inzwischen in der Küche vertäut war. Er sah schlimmer zugerichtet aus, als der Junge es sich von seinem Angriff hätte vorstellen können. Nachdem er sich jedoch in der Küche ein wenig umgeblickt hatte, vermutete er, dass der Verwundete einiges von den Trümmern abbekommen hatte, die aus dem oberen Stockwerk die Treppe hinuntergefallen waren. Wenn er einen Blick zurück in den Aufgang warf, war es sogar ein Wunder, dass er noch lebte.
"Was machen wir jetzt, Herr Soldrang?"
"Wir halten ihn hier fest."
"Ich finde, wir sollten Herrn Kargerheim holen."
"Herrn Kargerheim?"
"Ja, er ist doch ein Berti, ich mein Metrowächter. Er kann ihn ausfragen."
"Herr van der Linden, es tut mir leid, ich muss ihnen widersprechen. Herr Kargerheim mag Erfahrung mit dem Befragen von Kriminellen haben. Aber er ist ein zu sanfter Mensch."
Gunnar betrachtete den Buttler mit großen Augen und versuchte zu verstehen, was er meinen könnte. Nachdem das Schweigen zwischen ihnen lange genug angehalten hatte, dass Gunnar sich unbehaglich zu fühlen begann, fügte Soldrang endlich hinzu: "Wären sie bitte so freundlich, Herr van der Linden, Herrn Unterschnitt über unsere gegenwärtigen Umstände aufzuklären? Und bitte seien sie so freundlich, nicht Männer der Metrowacht zu informieren."
Der junge Mann konnte sich immer noch nicht aus dem Augenkontakt lösen, bis der Buttler eine huschende Bewegung mit beiden Händen in Richtung des Ausgangs machte. Dann rannte er los.

"Wir sollt'n Unterschnitt Bescheid sag'n."
"Vilet will das nich'."
"Und wie willst'e das wissen?"
"Sie hat es mir gezeigt. Mit dem Finger."
"Du konntest sie doch nich' mal richtig seh'n. Das ist doch quatsch. Denk doch mal nach, auch wenn ich das sonst mache."
"Reicht's jetzt? Ich weiß es. Ich bin klüger geworden."
Malandro zog die Augenbrauen hoch. Eine hätte nicht ausgereicht, um sein Erstaunen zu verdeutlichen. Dann schüttelte er den Kopf. "Dann lass uns wenigstens noch mal hingehen. Wir könn' ja von hinten ranschleichen."
"Das is' ja noch auffälliger."
"Dann geh ich halt von vorn."
"Mal. Bleib!" Aber Malandro humpelte bereits los. Tiscio beugte sich vor und seine Hände krallten sich in seine Knie. Er versuchte seine Erschöpfung auszuatmen, jeder Luftzug seine Kehle hinunter schien ihn jedoch nur noch mehr zu ermüden.
Als er sich wieder aufrichtete, war Mal bereits ein gutes Stück entfernt. Mit trägen Schritten machte er sich daran, seinem Freund zu folgen und war erleichtert, als Unterschnitt in ihrem Weg erschien, umringt von Bertis und Priestern gleichermaßen.
Der Pfad zum Tempel wurde darüber hinaus immer weiter von neuen Ankömmlingen verstopft. Natürlich erschienen die ersten Männer der Feuerwehr, beladen mit Schaufeln, Patschen und Decken. Der Karren wurde vermutlich an den Treppen zur Hetradostei aufgehalten. Auch Tempelwächter waren inzwischen aus ihren Baracken gekommen, waren aber kaum eine Hilfe, da sie nur damit beschäftigt waren, die Menge im Auge zu behalten. Die Priester hingegen taten, was sie konnten und halfen den Verletzten, brachten Wasser und verbreiteten ein wenig Ruhe mit ihrer konzentrierten Religiosität.
Die meiste Arbeit leisteten jedoch die Bertis, vor allem jene, die neu hinzugekommen waren. Aber auch viele Verwundete ließen es sich nicht nehmen, mitzuhelfen, auch wenn einige von ihnen kaum aufrecht stehen konnten.
Es war erstaunlich, dass Gunnar, blasser als sie ihn je zuvor gesehen hatte, die beiden unter all den Menschen fand.
Noch erstaunlicher war jedoch, dass Tiscio nicht unter den Nachrichten zusammenbrach. Stattdessen rannte er los ohne ein Wort zu verlieren.
Kurz blickte Gunnar ihm nach, seine Sorge um den Freund verflog jedoch als er sich dem Pulk um Unterschnitt näherte, denn plötzlich hatte er seine eigenen Sorgen. Gleich zwei kräftige Männer der Metrowacht stellten sich ihm in den Weg und wiesen ihn auf nicht zu freundliche Weise darauf hin, dass der große Ermittler andere Dinge zu tun hätte, als ein paar dreckigen Gossenjungen zuzuhören. Malandro nahm die Beleidigung ohne mit der Wimper zu zucken hin, Gunnar jedoch brauchte eine Weile, bis er verstand, warum sie ihn so abgekanzelt hatten. Erst als er einige Schritte zurückgestrauchelt war, blickte er an sich herunter und sah die verschmutzte und zerrissene Kleidung, die an seinem Leib hing. Seltsamerweise war sein erster Gedanke dazu, dass seine Mutter nicht glücklich darüber sein würde.

Plötzlich legte sich eine kräftige Hand auf seine Schulter und drehte ihn zurück in Richtung des Pulks. Unwiderstehlich wurde er darauf zugedrückt, bis er erneut an seinem Rand stand. Dann brüllte eine kräftige Stimme dicht neben seinem Kopf, sodass er zusammenzucken musste. "Apfelhelm! Apfelhelm! Dein Haus ist Explodiert!" Nachdem sich Gunnars Ohren wieder erholt hatten, konnte er endlich die Stimme als die von Linnbeth erkennen.
Vor ihm wurde es Still und Unterschnitt fand sie mit seinen Blicken. Sofort begann er sich durch die Menge zu drängen, die bereitwillig seinen schiebenden Armen wich.
Linnbeth nutzte die Zeit, um sich zu Gunnar herunterzubeugen und ihm Ohr zu flüstern: "Gut gemacht, Junge. Nächstes Mal seid aber leiser, wenn ihr euch etwas erzählt." Damit gab sie ihm einen Klapps an den Hinterkopf und der Druck in seinem Rücken verschwand.

Zuerst dachte er, dass sie sich wieder zurückgezogen hätte, sobald jedoch Unterschnitt und mit ihm Kargerheim vor ihm erschienen, nickten sie ihr zu. Gunnar war sich nicht sicher, warum er plötzlich das Gefühl hatte, dass sie gerne mehr als zu nicken getan hätten, und er fühlte sich sehr fehl am Platz zwischen diesen drei Erwachsenen.
"Apfelhelm."
"Linnbeth. Ist es wahr?"
"Der Junge war dabei. Er sollte es auch erzählen."
Und damit richteten sich alle Augen auf Gunnar, der am liebsten etwas kleiner gewesen wäre, um einfach aus ihren Blicken verschwinden zu können. Viel kleiner. Sehr viel kleiner. Etwa die Größe einer Maus.
Aber unter diesen Blicken hatte er kaum eine Wahl, als an seinem Platz stehen zu blieben und stotternd seinen Bericht vorzutragen.




Die Kinder aus der Feldstrasse, 05