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Die Brennerbande, Teil 106

Die beiden Jungen wurden aus ihrem Selbstmitleid gerissen, als sie vor der Konditorgasse 23a anlangten. Von einem Moment zum nächsten änderte sich Kargerheims Haltung, seine Schritte, seine Miene, und er war wieder ein Berti, auch wenn seine Kleidung eher das Gegenteil vermuten ließ.
Anfänglich schien sich der Berti an der Tür wappnen zu wollen, entspannte sich aber schnell wieder, als er Kargerheim erkannte. Einmal mehr schien es, dass jedem das Gesicht des einarmigen Mannes vertraut war. Deswegen war es auch nicht schwierig, ins Haus zu gelangen. Auch sie steuerten direkt in die Küche.
Wo hätten sie allerdings auch sonst in diesem zerstörten Haus hingehen können.
Nachdem Kargerheim ein paar Worte mit Soldrang gewechselt hatte, wandte er sich wieder zum Gehen, ohne den Gefangenen genauer betrachtet zu haben.
Gunnar und Malandro folgten ihm auf die Straße. Beide hatten sich den gefesselten Mann genau angesehen und es war ihnen nicht so leicht gefallen, sich aus der Küche zu verabschieden, ohne ihm wenigstens ein paar Tritte beizubringen. Da jedoch Kargerheim Abstand von jeglicher Gewalt genommen hatte, hielten auch sie es nicht für klug, sich ihren Gefühlen hinzugeben.
Ein anderer Trieb konnten jedoch nicht so leicht unterdrückt werden: ihrer Neugier.
"Herr Kargerheim! Herr Kargerheim!" Gunnar schwankte fast auf seinen müden Beinen, trotzdem rannte er dem einarmigen Mann hinterher. Malandro, der zwar auch erschöpft, jedoch nicht ganz so oft an diesem Tag durch die Stadt gerannt war und darüber hinaus immer noch fitter war als der blasse Erfinderlehrling, hielt mühelos mit ihm mit. Kargerheim blieb stehen und drehte sich zu ihnen um.
"Was gibt es, Jungs?"
"Herr Kargerheim. Es tut mir leid, aber ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt: Woher wussten sie vom Tempel, dem Anschlag meine ich?"
Der ehemalige Berti sah die beiden jungen Männer abschätzend an, dann holte er tief Atem und antwortete ihnen schließlich: "Auch wenn ich es für einen seltsamen Zeitpunkt halte, euch eine solche Frage zu beantworten, und vielmehr noch für einen ungeeigneten Ort, habt ihr euch wohl doch eine Antwort verdient. Außerdem macht es jetzt wohl auch keinen Unterschied, wenn ihr es erfahrt. Ich war bei den Rittern. Herr Unterschnitt und ich hatten eine Abmachung mit ihrem Onkel getroffen. Mit ihrer Hilfe haben wir einiges erfahren, wenn auch bei weitem nicht genug."
Gunnar, der zu müde war, um das offensichtliche zu verstehen, konnte nur ein leises "Wa ...?" hervorbringen.
"Sie haben für uns spioniert. Aber ich sehe, dass ich euch nicht mehr erzählen, sondern euch am Schlafittchen packen und in ein Bett stecken sollte. Was sich gut trifft, denn wenn ich es recht verstanden habe, dann sind die anderen Überlebenden hier untergekommen." Er deutete auf die Tür, die sich vor den beiden schlaftrunkenen Jungs auf magische Weise zu öffnen schien. Wie Gunnar anschließend auf die Matte gelangte, auf der er später wieder aufwachte, konnten er später nicht mehr sagen.

Malandro hingegen war noch nicht ganz so müde, wie sein Freund und bekam daher noch das Gespräch zwischen Tiscio und Walde mit, von dem er sich gewünscht hätte, dass Tis es hätte nicht erleben müssen.
Mal stand im Türrahmen, unfähig hineinzugehen oder sich abzuwenden, als Tiscio sich aus den Armen seiner Familie löste und zu Walde hinüberging. Vermutlich wollte er versuchen, ihr Trost zu spenden, Walde setzte sich jedoch auf und blickte ihn voller Strenge an. Ihr Gesicht war immer noch schmutzig und Tränen hatten lange, saubere Spuren hinterlassen. Doch ihre Augen waren jetzt trocken und sie klagte Tiscio an, bevor er überhaupt bei ihr angekommen war.
"Du sollt‘st doch heut hier bleib'n."
Tiscio stockte, fing sich aber wieder: "Hät' das was genutzt?" er drehte sich ab.
Plötzlich stand Walde neben ihm fasste seinen Kopf mit beiden Händen, wozu sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, obwohl er nach vorne gebeugt war und in hängen ließ.
Er versuchte sich aus ihren Händen zu befreien und während er sich aufrichtete, erhaschte er einen Blick auf seinen Bruder, seinen toten Bruder, wie er traurig neben seiner Mutter stand. Es war kein schöner Anblick und hätte er seinen Bruder nicht aufwachsen sehen, er hätte ihn nicht erkannt. Es schien so, als wenn Tiscio ihn so sah, wie er im Tod gewesen war, zerschlagener Körper, zertrümmerter Kopf, Blut und Asche.
Sobald er sich jedoch aus dem Griff herausgerissen hatte, verschwand das Bild wieder. Tis war sich nicht sicher, ob er wirklich klüger geworden war, oder ob er inzwischen so viel Erfahrung mit Walde gesammelt hatte, dass ihm sofort bewusst war, was geschehen sein musste.
"Warum machst'e das?" brüllte er das kleine Mädchen an, dann beruhigte er sich wieder und fragte etwas kläglich: "Siehst'e se immer so?"
Walde nickte nur, die Kiefer zusammengepresst in einer kindlichen Demonstration der Stärke.
"Kannst du mit ihm sprechen?"
"Ja, aber jetzt will ich nich'." Sie hielt ihm die Hände wieder hin. "Erif will, dass de mit ihm sprichst, dass de ihm was sagst."
"Was soll ich denn sagen."
"Weiss nich'. Was de denkst." Er beugte sich erneut vor und sie berührte ihn an der Stirn.
Tiscio zwang sich dorthin zu sehen, wo er eben seinen Bruder gesehen hatte und fand ihn erneut. Ihre Blicke trafen sich. Es fiel ihm schwer, seinen Kopf nicht abzuwenden, besonders, als ihm die Tränen in die Augen stiegen.
"Entschuldige." Nur selten verwendete er das ganze Wort, aber diesmal durfte er es nicht abkürzen. Sein Bruder verdiente mehr als nur ein "tschuldige". Er verdiente auch mehr als das gesagte, aber mehr vermochte Tiscio nicht herauszubringen.
Dennoch genügte es. Erif nickte und verschwand.

Malandro konnte sich endlich aus seiner Starre befreien, als sein Freund an ihm vorbeirannte, um das Haus wieder zu verlassen. Sein Kopf folgte ihm automatisch, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Schließlich gab sich Mal einen Ruck und ging zu Tiscios Mutter. Zuerst wusste er nicht, was er ihr eigentlich sagen wollte, bis er sie umarmte und ihr ins Ohr flüsterte: "Vilet ist frei."
Tiscios Mutter sah auf und versuchte zu lächeln, bevor sie nickte. Mehr gab es nicht zu sagen oder zu tun, weswegen Malandro ebenfalls hinausging, um sich um seinen Freund zu kümmern.
"Was willst'e"
"Weiß nich'. Wir sollt'n den Ärschen einen auf die Fresse geben."
Tiscio nickte zur 23a hinüber, "wollte ihm schon seine polieren. Soldrang hat mich nich' gelassen."
"Was dann?"
"Sagt, dass Unterschnitt es macht."
"Unterschnitt wird ihm mehr wehtun, als du es kannst."
Tiscios Mundwinkel verzogen sich zu einem gehässigen Lächeln. "Das hoff' ich auch."
Malandro zog einen inzwischen ziemlich dreckigen Lappen heraus, den er auch als Taschentuch verwendete, und wischte seinem Freund die Tränen aus dem Gesicht. Tiscio ließ es geschehen, auch wenn sein Blick neben der Dankbarkeit auch den Hinweis enthielt, dass Mal besser niemals darüber sprechen sollte.
"Hab' Erif noch mal geseh'n."
"Mit ihren Augen?"
"Ja."
Malandro schluckte, fand aber, dass er auch etwas sagen musste. "Is' ja furchtbar. Kann ich mir echt nich' vorstellen." Er zögerte einen Moment, dann fügte er hinzu: "Hab' euch sprechen sehen."
"Dann is' er verschwunden", warf Tiscio seinem Freund entgegen, ohne auf ihn einzugehen.
"Wie meinst'e das?"
"Kannst du dir vorstell'n, wie er aussieht?" Tis schien jetzt ganz in seinen eigenen Gedanken zu sein, ohne seine Umgebung überhaupt noch wahrzunehmen.
"Und Walde sieht se immer so. Dachte, sie sieht se wie Lebende ... Dass sie nicht durchdreht."
Unbewusst waren sie wieder zu dem zerstörten Haus gegangen, wo ihnen der Berti den Weg frei machte, bevor sie überhaupt entschieden hatten, dass sie wieder hineingehen wollten.

Soldrang schien wenig überrascht zu sein, als er die beiden Jungen erneut sah. Nur für einige Herzschläge war zu erkennen, dass er sich anspannte, dann ließ Tiscio sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches, fern vom Gefangenen, plumpsen und war kaum mehr als ein Häuflein Elend.
Ungefragt holte der Buttler eine braune Flasche unter der Spüle hervor und reichte sie herum.
Beide Feldstraßler konnten den Husten nicht unterdrücken, den das harte Getränk aus ihren Kehlen hervorreizte, nahmen jedoch gierig weitere Schlucke. Und so heiß, wie der Alkohol in ihren Bäuchen brannte, so schnell stieg er ihnen zu Kopf, so dass Malandro seinen Freund wenig später auf dem Rücken in das andere Haus brachte, wo sie endlich für kurze Zeit zur Ruhe kamen




Die Kinder aus der Feldstrasse, 05