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Die Brennerbande, Teil 96

"Ich würde Waffen gegen gewisse, schwer zu verwundende Gegner benötigen."
Sie waren kaum in die Werkstatt eingetreten, als Herr van der Linden die kleine Gruppe gemustert, seine Arme verschränkt und seine fragenden Blicke auf Herrn Unterschnitt gerichtet hatte. Auf die Worte seines Gegenübers reagierte er mit einer erneuten Musterung bis er schließlich doch etwas sagte:
"Sie wissen, Herr Unterschnitt, dass ich keine Waffen mehr baue. Schon seit einigen Jahren nicht mehr."
Die beiden Erwachsenen hielten jeder dem Blick des anderen stand, während Gunnar ungläubig seinen Vater ansah. Natürlich hatte er gewusst, dass sein Vater eigentlich alles, was man sich vorstellen konnte, zu bauen in der Lage war, sowie einiges, was nur in seinem eigenen Kopf existiert. Dennoch hatte er ihn nie auch nur eine Waffe in der Hand halten sehen - wobei er interessanterweise die ambarischen Handschuhe nicht als Waffe betrachtete - weswegen er auch angenommen hatte, dass er nie welche gebaut hatte.
"Herr van der Linden, ich weiss, dass sie lange keine mehr hergestellt haben, aber es verdichten sich die Hinweise, dass der Verursacher all dieser Anschläge der letzten Tage unter den Dämonen zu suchen ist. Wir müssen also darauf gefasst sein, dass wir in einen Kampf mit einer Fraktion der Unholde verwickelt werden. Sehen sie es nicht auch so, dass es nur vernünftig wäre, wenn wenigstens ein paar Bürger in der Lage wären, sich zu schützen."
Endlich wendete Gunnars Vater den Kopf ab und ließ seinen Blick über die Werkbank streifen.
"Metrowacht und Heer sind durchaus in der Lage, die Dämonen in den Griff zu bekommen."
"Aber nicht, bevor sie viele Menschen getötet haben. Und darf ich sie daran erinnern, dass die Dämonen ein langes Gedächtnis haben. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werden sie sich auch an ihre alten Feinde erinnern."
Herr van der Linden drehte sich ab und lehnte sich an eines seiner Werkstücke. "Gut, ich werde Waffen für sie bauen. Aber meinen Jungen halten sie da raus."
"Versprochen."
"Über den Preis reden wir noch."
"Natürlich. Aber ich hätte noch eine Frage: Haben sie noch Kontakt zu einigen ihrer Kunden?"
Erneut sahen sie sich an, bis der Erfinder ohne ein Wort zu verlieren ein Stück Papier nahm und ein paar Zeilen darauf schrieb. Er reichte es dem Detektiv und wenig später fand sich die kleine Gesellschaft wieder auf der Straße.
Schweigend machten sie sich auf den Weg, der sie diesmal am Hauptgebäude der Metrowacht vorbeiführte.
"Ich werde einen kurzen Abstecher hinein unternehmen. Immerhin wäre es für uns von Interesse, was die Bertis in der Sache des Mützenmannes unternommen haben." Er zwinkerte den Jungs zu und war die Treppe hinauf, bevor es den Feldstraßler gelingen konnte, einen ärgerlichen Einwand zu erhaben.
Unter den Augen des wachhabenden Bertis lungerten die drei Feldstraßler am Fuß der Treppe herum. Die Metrowächter waren keine Soldaten, obwohl die meisten von ihnen gedient hatten. Sie durften ihren Platz nicht verlassen, hatten aber einen gewissen Spielraum, wie eng sie ihren Platz absteckten. Dieser Berti nutzte ihn, um ein wenig auf und ab zu gehen, was sicherlich nützlich war, um die langweilige Aufgabe aufzulockern und aufmerksam zu bleiben. Die ganze Zeit über betrachtete er dabei die Jungs, deren Verhalten dadurch nicht unauffälliger wurde. Unruhig schoben sie den Dreck der Straße mit ihren Schuhen herum, bis Unterschnitt nach erfreulich kurzer Zeit wieder hervorkam. Schon wieder im Gehen unterrichtete er die Feldstraßler darüber, dass die Metrowacht in diesem Moment eine Razzia gegen die drei verbliebenen Mitglieder von Arbams Zelle durchführte. Herr Unterschnitt war ein Meister darin, sein Mienenspiel zu verbergen, tat den Feldstraßlern jedoch den Gefallen, ihnen sein Missfallen über diese Entwicklung durch seine verzogenen Mundwinkel kundzutun.
Es war jedoch nur ein kurzer Moment der Vertrautheit, den er mit einem Auftrag an die Jungs beendete:
"Herr van der Linden wird einige Tage benötigen, brauchbare Waffen herzustellen und es bleibt immer noch das kleine Problem, dass kaum das Geld werde aufbringen können, um sie zu bezahlen. Daher wäre es zu unser aller Vorteil, wenn ihr die Adressen auf diesem Zettel aufsuchen würdet." Er reichte Gunnar den Zettel, den er zuvor von dessen Vater erhalten hatte.
"Damit trennen sich unsere Wege, denn wenn ich es recht sehe, müsst ihr euch hier in Richtung der Neustadt halten, während ich einigen anderen Geschäften nachgehen werde." Und schon ließ er die drei wieder alleine.
Gunnar sah noch etwas konsterniert den Zettel an, als Malandro den das Stück Papier aus der Hand riss.
"Linnbeth. Was is'n das für'n Name?"
"Klingt ausländisch."
"Vielleicht stammt sie aus Uvrialac?"
Die beiden anderen zogen nur die Schultern bei Gunnars Antwort hoch und machten sich auf den Weg, ohne auf Gunnar Rücksicht zu nehmen, der noch einen letzten Blick auf seine leere Hand und anschließend in Richtung des sich entfernenden Detektivs warf.

Sie brauchten etwas mehr als eine halbe Stunde, um das Haus von Linnbeth zu finden. Da es im Bürgerviertel lag, zeichnete sich das kleine Haus durch zwei Dinge aus: Es war besser als alles, worin die Feldstraßler (mit Ausnahme ihres Fremdenlegionärs) aufgewachsen waren und es war trotzdem alt und etwas heruntergekommen. Unschlüssig blieben sie vor der kleinen Holztür stehen, bevor Tiscio endlich dagegen hämmerte. Er war es immer noch so gewohnt, auch wenn selbst Vilets kleine Wohnung eine eigene Türglocke besaß. Deswegen bemerkte er auch zu spät das Seil, das in einem kleinen Metallglöckchen endete. Die Frau, die ihnen schließlich die Tür öffnete, musste in einem ähnlichen Alter wie Unterschnitt oder Gunnars Vater sein, welches das auch immer sein mochte. Sie betrachtete die Jungs misstrauisch und sie konnten es ihr nicht verübeln: ein paar dreckige Halbstarke, die nachts anklopften und ein wenig herumstammelten, waren nichts, was man vor seiner Tür vorzufinden hoffte.
"Was lungert ihr hier vor meiner Tür herum?"




Die Kinder aus der Feldstrasse, 04