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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 03

Studieren wurde von vielen Studenten nicht als Vollzeitbeschäftigung betrachtet, was die meisten von ihnen natürlich abgestritten hätten. Immerhin waren die regelmäßigen Besuche in Gaststätten, während derer wichtige Probleme erörtert wurden, die Versammlungen der Vereine und die sportlichen Betätigungen fester Bestandteil ihres Kurrikulums.
Gunnar hingegen versuchte so viel seines Tagespensums so früh wie möglich abgeschlossen zu haben, um rechtzeitig zuhause und in der Werkstatt seines Vaters zu sein. Die Aufträge erledigten sich nicht von selbst und wenn er irgendwie das Geld für seinen und den Unterhalt seiner Mutter zusammenbekommen wollte, durfte er die Kunden nicht vergraulen.
Er war daher verständlicherweise nicht besonders begeistert von der Aussicht, seine Zeit mit dem hoffnungslosen Versuch zu vergeuden, Unterschnitt für einen unbezahlten Auftrag zu gewinnen. Es blieb ihm nur keine andere Wahl, weswegen er keine Sekunde zögerte, als er das Büro des Dekans verließ. Denn so viel hatte er inzwischen gelernt, dass ein Tatort mit jedem Augenblick, der verstrich, an Wert verlor.

Immer noch öffnete Soldrang, der Buttler des großen Privatermittlers, die Tür, bevor man richtig mit Warten beginnen konnte. Von allem, was Gunnar in seinem Umfeld wahrnahm, schien Soldrang das einzige zu sein, dass sich nicht veränderte. Noch immer waren seine Haare mit Pomade fest an den Kopf gelegt, noch immer saß der Anzug, als wäre er darin geboren worden, noch immer schien er auf Gunnar und seine Freunde herabzublicken, als hätten sie nicht gemeinsam gegen Separatisten und Bombenleger gekämpft. Gunnar machte sich inzwischen nicht mehr so viel aus der scheinbaren Hochmütigkeit, musste sich jedoch trotzdem gelegentlich an den anderen Soldrang erinnern, den er vor zwei Jahren erlebt hatte. Jenen Soldrang, der mit einem Hackmesser einem Einbrecher in die Schulter geschlagen hatte und von dem sie wussten, dass er in den Dämonenunruhen vor vielen Jahren an der Seite von Unterschnitt und seinen Freunden gekämpft hatte. Es war jedoch nicht so leicht war, wenn Malandro ein weiteres Mal von seinem Ärger mit dem Buttler berichtete.
"Guten Tag, Herr Soldrang."
"Guten Tag, Herr van der Linden. Welch angenehme Überraschung", sagte der Buttler, wobei der Ton nicht mit den Worten zusammenpassen wollte. "Wünschen sie Herrn Sabrecht zu sprechen?"
"Eigentlich wollte ich zu Herrn Unterschnitt."
"Es tut mir Leid Herr van der Linden. Herr Unterschnitt ist derzeit beschäftigt."
"Können sie mir dann vielleicht sagen, wann ich ihn sprechen kann?"
"Ich rechne nicht damit, dass er vor einer halben Stunde seine … Aufgabe beendet haben wird."
Seit über zwei Jahren kannten die drei Freunde den Privatermittler und seinen Buttler jetzt. Deswegen entging Gunnar auch weder die ungewöhnliche Wortwahl noch das kaum wahrnehmbare zögern vor dem Wort "Aufgabe". Es mochte nicht schicklich sein, wie Herr Unterschnitt seine Zeit zwischen zwei Aufträgen verbrachte, aber er war diskret und es war nicht an Gunnar, sich über seine außerehelichen Verhältnisse zu Frauen zu mokieren. Stattdessen nickte er nur.
"Dann würde ich vielleicht doch mit Malandro sprechen, wenn er gerade Zeit hat."
"Herr Sabrecht befindet sich in der Küche." Damit gab der große Mann den Weg frei und Gunnar ging an ihm vorbei, um kurz darauf die Stufen hinunter in die Küche zu nehmen.
Er fand einen leise fluchenden Malandro, über die Spüle gebeugt und wild in einem Topf herumschrubbernt. Noch bevor er ihn von hinten grüßen konnte, drehte sich der Magierschüler um und sah ihn verblüfft an.
"Was machst du denn hier?"
"Hallo Malandro."
"Ja, hallo. 'tschuldige. Bin gerade ein wenig fünsch."
"Weil du den Abwasch machen musst?"
"Weil ich hier Magie lernen soll und stattdessen das Haus versorge."
"Lehrjahre sind halt keine Herrenjahre."
"Was weißt du von Lehrjahren?" giftete Malandro, Gunnar zog aber nur die Schultern hoch und ging nicht weiter darauf ein.
"Ich werde erpresst?"
Klappernd fiel eine Kelle auf den Rand des Beckens, bevor sie im Wasser verschwand. Der Zauberlehrling drehte sich langsam zu seinem Freund um und blickte ihn mit großen Augen an. Gunnar stockte bis er Malandros Besorgnis begriff. Schnell fügte er hinzu: "Nein, nicht deswegen. Keine Angst."
Malandro entspannte sich sichtlich. "Du hast mir einen ganz schön' Schrecken eingejagt. Was isses denn dann?"
Und so erzählte Gunnar seinem Freund, wie er zum dicken Mann gerufen worden war und der Dekan ihm sprichwörtlich die Pistole auf die Brust gesetzt hatte, was Malandro vor allem mit einem Grummeln quittierte. Gunnar konnte es nicht verstehen, wusste über die Animosität, die seine Freunde gegenüber Alwald empfanden, um sich seinen Teil zu denken.
"Du wolltest also gar nicht zu mir?"
"Nein ... Doch. Ich meine, ich muss zu Unterschnitt, auch wenn ich nicht glaube, dass er kostenlos arbeitet. Aber du vestehst dich schließlich so gut mit ihm, und da dachte ich, du könntest mir vielleicht helfen."
"Er hätte mal selber kommen sollen. Das hätte mehr Gewicht gehabt." Malandro grinste während Gunnar ihn sprachlos ansah. "Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt." Diesmal war es an Mal, seine Schultern hochzuziehen.
"Du solltest deiner Tusnelda den Laufpass geben. Die bringt dir wirklich nur Ärger ein."
"Wieso denn da jetzt? Die Sache hat doch nichts mit ihr zu tun."
"Natürlich. Nur ihretwegen biste jetzt doch hier."
Gunnar hätte gerne etwas Schnippisches erwidert, es wollte ihm jedoch nichts einfallen. Stattdessen fragte er nach einer kurzen Pause: "Und was soll ich jetzt machen?"
"Mit Apfelhelm sprechen, was sonst."
"Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass du Herrn Unterschnitt mit Vornamen ansprichst."
Malandro lächelte selbstzufrieden, versuchte aber gleichzeitig die Angelegenheit als eine Kleinigkeit abzutun. "Ich lerne eben nicht einfach irgendein Handwerk. Sowas verbindet."
Tiscio hätte ihn vermutlich in diesem Moment gegen den Oberarm geboxt, aber selbst nach zwei Jahren fand Gunnar eine solche Vertraulichkeit unangemessen.
"Was wollen wir jetzt solange machen?" fragte er stattdessen und deutete mit einer Kopfbewegung die Treppe hinauf zu Unterschnitts Zimmer.
"Du kannst mir ja abtrocknen."
Und so kam es, dass Gunnar sich ein Handtuch griff und Malandro bei der Hausarbeit half, bis die Tür zum Zimmer ihres Gastgebers geöffnet wurde und die Schritte von Frauenfüßen in teuren und unpraktischen Schuhen die Treppe zur Haustür hinuntergingen.
Sobald die Tür hinter der unbekannten Dame ins Schloss gefallen war, gesellte sich auch der Hausherr aus seinem Zimmer und betrat wenig später die Küche mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck und nur einem Hausmantel bekleidet. Er grüßte die beiden jungen Männer mit einem Lächeln und einem fröhlichen "Hallo", ließ sich aber auf kein Gespräch ein, bevor ihm nicht Soldrang ein umfangreiches Frühstück vorgesetzt und er es wenigstens zur Hälfte verspeist hatte.
"Es ist kaum zu übersehen, dass dir etwas auf der Zunge brennt, Gunnar. Was kann ich für dich tun?"
Und so erzählte Gunnar ein weiteres Mal, was geschehen war, während der Detektiv scheinbar unbeeindruckt sein Frühstück beendete.
"Du verstehst sicher, dass ich nicht einfach ohne Entgelt arbeite. Wenn sich so etwas herumspricht bin ich bald arm wie eine Tempelmaus", kommentierte er schließlich Gunnars Bericht.
"Aber ich hätte eine Idee, wie ich dir helfen könnte." Unterschnitt machte eine lange Pause, die von einem letzten Schluck aus seinem Becher beendet wurde.
"Ah, das habe ich wirklich gebraucht. Nun, meine Idee wäre, dass ich Malandro als meinen Gehilfen mit dir mit schicke. Ich statte ihn mit den nötigen Vollmachten aus. Ihr erstattet mir jeden Abend Bericht, damit das ganze schön offiziell wird. Als Grund kannst du deinem Dekan vorgeben, dass ich derzeit sehr beschäftigt sei und mich nur neben meinen anderen Aufträgen um seine Belange kümmern kann. Dass sollte ihn ein wenig beruhigen. Allerdings erwarte ich von euch, dass ihr mir keine Schande macht."
Mal und Gunnar nickten begierig, der eine mit einem breiten Grinsen, der andere mit großen, erstaunten Augen.
"Mal, hol mal die Schachtel mit dem guten Papier, Tinte und Feder herunter."
Wenig später lagen zwei Schreiben auf dem Küchentisch. Das erste wies Malandro als offiziellen Mitarbeiter seines Lehrmeisters aus, das zweite war eine Bitte an die Metrowacht, ihnen Tiscio auszuleihen, damit ihre Untersuchungen einen etwas offizielleren Anstrich erhielten. "Ihr drei arbeitet gut zusammen und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es immer von Vorteil ist, einen Berti dabei zu haben. Es öffnet einem nicht nur Türen, man neigt auch dazu, sich ein wenig mehr an die Gesetze zu halten. Das kann später von großem Vorteil bei den Verhandlungen sein, wenn es denn so weit kommt."
Malandro rollte noch schnell die überschüssige Tinte ab, bevor er die Schreiben faltete und in Umschläge mit Unterschnitts Briefkopf schob.
"Hast du den Tatort bereits untersuchen können?"
"Nein, Herr Unterschnitt. Ich bin gleich hierhergekommen und ich glaube auch nicht, dass man mich in das Zimmer gelassen hätte."
"Vermutlich nicht. Das bedeutet aber, dass ihr euch beeilen müsst. Bevor die Metrowacht alles abtransportiert hat. Ich hoffe, dass der Dekan so klug war, sie davon abzuhalten, die Leiche abzutransportieren. Ihr habt also keine Zeit zu verlieren." Er seufzte. "Es wird wohl besser sein, wenn ich wenigstens einmal in der Universität erscheine und euch dann den Fall übergebe." Er erhob sich. "Ihr solltet euch so schnell wie möglich zum Tatort begeben. Ich komme nach. Los los jetzt. Ihr habt keine Zeit zu verlieren", wiederholte er und trieb sie mit einer scheuchenden Handbewegung aus der Küche.

Vor dem Haus sah Gunnar Malandro etwas überrascht an.
"Das lief besser, als ich gehofft hatte."
"Er ist schon banniger Kerl."
"Naja, stimmt schon, aber die Damen ..."
"Was soll mit ihnen sein?" fragte Malandro etwas pikiert.
"Ich mein' ja nur", wehrte Gunnar schnell ab. "Geht mich auch nichts an. Aber was machen wir jetzt."
"Ich würd' zur Metrowacht und Tis holen."
"Dann geh ich nach Hause und hol den Schnüffler."
"Den hat' ich ganz vergessen. Gute Idee."
"Inner Stunde vorm Hauptgebäude?" Malandro nickte und sie gingen die Konditorgasse in Richtung des Hafens hinunter.
"Wir könnten auch mit Walde sprechen."
Malandro antwortete nicht sofort, weil sich sein schlechtes Gewissen zu Worte meldete. Er hatte seine alte Heimat in den letzten Jahren nur selten besucht und Walde dabei sogar gemieden. Es war eine Sache, Magie zu erlernen. Es war eine ganze andere, ständig auf Dinge hingewiesen zu werden, die in der Zukunft lagen oder mit Toten zu tun hatten.
"Ja, könnten wir. Aber erst Mal müssen wir jetzt zur Uni." Damit erreichten sie das Ende der Gasse, wo sich ihre Wege trennten.




Die Jungen aus der Feldstrasse