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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 05

Inzwischen hatten sich Gunnar und Malandro im Büro des Professors umgesehen. Der Tisch lag mit Büchern voll, allerdings war nur eines aufgeschlagen. "Historia de Trenai" las Tiscio laut vor und zeigte Gunnar den Einband, der gerade dabei war, den Schnüffler bereit zu machen.
"Das sieht nicht nach einem Buch aus der Universitätsbibliothek aus. Ich kann mich aber auch täuschen. Bei den Geschichtsbüchern bin ich nie." Mit einem klacken öffnete er die drei Geruchsfächer des Geräts, um die alten Düfte zu entlassen. Sein Vater hatte das unhandliche Gerät erfunden, um seinen Freund Unterschnitt bei seinen Ermittlungen zu helfen. Es bestand aus sieben Metallröhren, von denen drei den Trichter am vorderen Ende jeweils mit einer der Kammern verbanden. Was die restlichen Röhren und die vielen Schläuche und Kammern genau taten, hatte Gunnar noch nicht erforscht, weil er zu großen Respekt vor der Arbeit seines Vaters hatte und fürchtete, es bei seinem momentanen Kenntnisstand nicht wieder zusammengesetzt zu bekommen. Gunnar schwang den Schnüffler in Richtung dessen, was sie für die Mordwaffe hielten: Auf der Kante des Schreibtischs, direkt über der Leiche, lag ein blutverschmierter Brieföffner, auf dem sogar noch der Abdruck einer Hand zu sehen war. Der junge Student entzündete die kleine Dampfmaschine des Schnüfflers und belegte zwei der drei Kammern mit Gerüchen, die sich auf dem Brieföffner gesammelt hatten. Dann legte er den Hebel der ersten Kammer um und schaltete den Arbeitsweisenregler auf Suchen. Das Gerät gab ein leises Surren von sich, das lauter wurde, sobald er mit dem Trichter in Richtung der Tür zeigte. Die drei Freunde hatten bereits einige Erfahrungen mit dem Schnüffler gesammelt, weswegen sich Tis und Gunnar nun überrascht ansahen. Der Ursprung des Geruchs war nah. Gunnar machte ein paar Schritte auf den Eingang zu und stellte mit einer gewissen Befriedigung fest, dass das Surren Liweg identifizierte. Der Assistent des Toten sah ihn irritiert an.
"Herr Unterschnitt. Der neuste Geruch auf der Mordwaffe ist der von Herrn Liweg."
"Welcher Mordwaffe, Harr van der Linden?"
Gunnar stutzte. Konnte es sein, dass der große Ermittler das Offensichtlichste übersehen hatte?
"Na, der Brieföffner."
"Professor Ulfhaus wurde nicht mit dem Brieföffner ermordet, aber Her Liweg wird uns sicher gleich erklären, wieso das blutige Utensil nach dem Mord von ihm angefasst wurde."
Man konnte Liweg ansehen, wie unwohl er sich in diesem Moment in seiner Haut fühlte. Trotzdem fand er schnell seine Sprache wieder: "Gut, ich gebe zu, dass ich nicht alles so gelassen habe, wie ich es vorgefunden habe. Der Brieföffner lag neben dem Professor auf der Erde. Ich weiß auch nicht, warum ich ihn aufgehoben habe. Es erschien mir alles nur so unordentlich und der Brieföffner sollte nicht auf dem Boden liegen. Der Professor war sehr eigen bei solchen Sachen."
Der strenge Blick des Ermittlers ließ Gunnar jeglichen Einwurf unterdrücken. Er enthielt eine Warnung, die der junge Student jedoch nicht verstand. Deswegen nickte er nur und schaltete die zweite Kammer des Schnüfflers frei. Wieder begann das Surren und führte ihn zurück in den Raum bis zur Leiche zurück. Nur zwei Gerüche und beide waren eine Sackgasse. Wie hätten sie es auch nicht sein sollen, wenn der Brieföffner tatsächlich nicht die Tatwaffe war?
Er legte das schwere Gerät ab und stellte es neben die Tür. Danach massierte er die Schulter, auf der der Tragegurt seine Spuren hinterlassen hatte. Er musste ihn dringend besser polstern, bevor er ihn das nächste Mal verwendete. Er beobachtete Malandro dabei, wie auch er den Titel der Historia betrachtete und ein wenig in dem Buch herumblätterte, ohne die aufgeschlagene Seite jedoch zu verlieren.
Von draußen hörte er, wie Unterschnitt den Assistenten entließ und kurz darauf hereinkam um sich sofort wieder zur Leiche zu begeben. Die drei Junge gesellten sich zu ihm und holten jetzt nach, was sie die ganze Zeit vermieden hatten.
Sie hatten schon Schlimmeres gesehen, viel Schlimmeres. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie sich gerne Leichen ansahen. Dort, wo Malandro und Tiscio herkamen, war es nichts ungewöhnlich, den einen oder anderen Toten am Straßenrand zu finden. Auch daheim war keiner von ihnen verschont geblieben. Trotzdem rissen sie sich nicht darum, den Blutüberströmten Rücken eines Mannes zu betrachten. Zumal Unterschnitt eine sehr Rücksichtslose Art besaß, mit Leichen umzugehen. Tatsächlich zog er ein Taschentuch aus einer Jackentasche, griff sich den Brieföffner und drückte damit den Stoff von Jacke, Hemd und Weste zuerst aus der Wunde unterhalb der Schulterblätter, dann aus dem Einstich in Höhe der rechten Niere. Er vermied es jedoch, sein Vorgehen zu kommentieren. Schließlich stand er auf, überflog die Titel der Bücher auf dem Schreibtisch und verkündete laut: "Ich glaube, dann haben wir erst einmal alles gesehen, was wir sehen mussten."
Er winkte seine drei Begleiter hinter sich her und stellte sich vor den großen Hauptwachtmeister: "Ich danke ihnen für ihre Geduld. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass sie uns die nötige Zeit gelassen haben." Albrecht zog eine Augenbraue hoch, gab jedoch keine Antwort. Er schien zu ahnen, dass Unterschnitt noch etwas Unerfreuliches parat hatte. Dieser hielt jedoch mit dem, was er eigentlich zu sagen hatte, hinterm Haus. "Mein Assistent", Unterschnitt deutete mit einem kurzen Kopfnicken zu Malandro, "Wird für mich weiter an diesem Fall ermitteln. Er hat dabei meine volle Unterstützung."
Jetzt konnte man fast das Knirschen der Zähne des Bertis hören, als er ein "ist gut" herauspresste.

Wenig später standen sie wieder vorm Haupteingang der Universität.
"Ich muss mich jetzt um meinen anderen Fall kümmern", erklärte Unterschnitt. "Wir treffen uns in einer halben Stunde bei mir in der Küche. Allerdings habe ich noch einen Auftrag für euch. Besorgt mir bitte eine Liste aller Studenten, die sich für die Vorlesungen des dahingeschiedenen Professors eingeschrieben haben."
Gunnar hatte eine ungefähre Ahnung davon, auf welche Schwierigkeiten er mit einer solchen Forderung im Universitätsbetrieb stoßen würde, nickte aber nur. Gemäß seinen Befürchtungen kam er auch zu spät zum vereinbarten Treffen. Die Angestellte des Verwaltungsbüros hatte sich Erwartungsgemäß geweigert, auch nur einen Finger für einen Studenten zu heben, weswegen er schließlich im Vorzimmer des Dekans gelandet war, wo der Dicke Mann ihn warten ließ. Er war nur einen kleinen Moment zu spät gekommen. Der Küchenwagen mit einem üppigen Mittagessen war gerade durch die Tür verschwinden sehen, als er eintraf.
Es nützte nichts. Wenn der Dicke Mann sein Mittagessen erhielt, wurde er niemals gestört. Eine weitere jener ungeschriebenen Regeln des Universitätslebens. Es gab sogar ein paar Legenden über diejenigen, die es gewagt hatte, gegen diese Regel zu verstoßen. Und natürlich waren die meisten davon ziemlich albern. Niemand glaubte wirklich, dass der Dekan störende Studenten verspeiste. Trotzdem würden wohl nur sehr verzweifelte oder sehr dumme Menschen den Mann hinter dieser Tür bei seinem Mittagessen stören.

"Herr van der Linden, es freut mich sie zu sehen. Und noch mehr freut es mich, dass Herr Unterschnitt zur Klärung des Mordfalls beitragen wird." Der Dekan zwinkerte ihm verschwörerisch zu, was bei den kleinen Augen in dem runden Gesicht seltsam unpassend wirkte. "Aber sie sind sicher nicht gekommen, um mir von ihrem Erfolg zu berichten."
"Nein, Herr Dekan. Natürlich nicht. Es ist nur, Herr Unterschnitt hat mich gebeten, ihm alle Namen der Studenten zu besorgen, die bei Professor Ulfhaus gehört haben."
"Ah, ich sehe das Problem. Eine solche Liste gibt es nämlich nicht. Zumindest nicht per se. Sie müssen nämlich wissen dass wir jeden Studenten auf mehreren Karteikarten vorhalten, um sie den Kursen leichter zuweisen zu können." Er seufzte. "Und natürlich würden die Damen im zweiten Stock niemals darauf kommen, daraus eine Liste zu erstellen, wenn man ihnen keinen klaren Auftrag dazu erteilt. Ich werde alles Nötige in Bewegung setzen." Er zog eine Schublade auf, entnahm ihr ein Blatt, auf dem bereits mehrere Reihen in einer krakeligen Schrift geschrieben standen, und fügte eine weitere Zeile hinzu. "Sie können sich die Liste morgen gegen Mittag abholen. Gibt es sonst noch etwas, mit dem ich ihnen behilflich sein kann?" Der Dekan lächelte aufmunternd. Deswegen konnte Gunnar auch nicht erklären, warum ihn gerade in diesem Moment der Hafer stach. "Derzeit nicht. Aber wir werden sicher bald wieder miteinander sprechen." Es war vielleicht etwas zu schnippisch und er errötete angemessen, trotzdem fühlte es sich gut an.




Die Jungen aus der Feldstrasse