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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 08

Unterschnitt hingegen wusste es.
Es war inzwischen spät geworden und sie hatten sich ein weiteres Mal in der Küche eingefunden, wo sie dem Hausherrn ihren Bericht erstatteten.
"Darüber hinaus haben wir einen ganzen Stapel Briefe gefunden, die anscheinend antworten auf Fragen des Professors enthielten. Wir glauben, dass sie aus Trenai stammten, denn in einigen ging es um die Tagebücher und wie der Professor sie erhalten könnte. Die Unterschrift konnten wir jedoch nicht entziffern."
"Habt ihr einen Mitgebracht."
"Leider nein. Als wir die Kiste mitnehmen wollten hat sich die Haushälterin quer gestellt und uns nicht mehr aus den Augen gelassen."
"Ich hätte erwartet, dass ihr keine Probleme damit gehabt hättet, eine ältere Frau so lange abgelenkt zu bekommen, bis ihr einiges an euch gebracht hättet."
"Tut uns leid Apfelhelm. Nicht mal, als ich ihr noch mal von deinen Bemühungen vorgeschwärmt habe, hat sie sich erweichen lassen."
"Sie will es für die Metrowacht vorhalten", warf Tiscio ein und angesichts seines Rüffels fügte er hinzu: "Was ja so is', wie es sein sollte."
Unterschnitt nickte nur, sagte dann aber "An der Kiste war auch kein Absender." Er formulierte es als Tatsache, die Jungs bejahten es trotzdem.
"Es wäre Interessant zu erfahren, wie die Korrespondenz den Weg zu ihm gefunden hat. Oder besser noch: wie die Kiste zu ihm gelangt ist."
"Und was ist mit diesem Strudel?"
"Mahlstrom."
"Gut: Mahlstrom. Also, was is' damit. Meinst du, er hat was mit seinem Mord zu tun?"
"Es würde zusammenpassen. Er hat nach dem größten und wichtigsten Artefakt der xpochschen Geschichte geforscht. Er war nicht der erste und wird auch nicht der letzte sein. Die Legenden um den Mahlstrom waren mir bekannt, allerdings hielt ich sie bisher auch nur dafür: Legenden. Selbst jetzt können wir uns nicht ganz sicher sein, dass dieses Phänomen tatsächlich existiert, nur weil es in einem halbgelehrten Buch steht. Trotzdem sind die zusätzlichen Informationen interessant. Wenn es wirklich so sein sollte, dass das Horn all die Jahre überstanden haben könnte, wäre es eine Sensation und das Gerücht alleine einen Mord wert."
"Aber warum sollte man ihn dafür umbringen, dass er etwas über das Horn herausgefunden hat?"
"Da gibt es viele Gründe und mindestens genauso viele Parteien, die diese Gründe vorbringen könnten." Unterschnitt nahm einen weiteren Schluck, schien danach aber weiterhin nicht auf seine Äußerung eingehen zu wollen. Erst als er aufblickte und die wartenden Gesichter entdeckte, tat er überrascht: "Ach, könnte ihr es euch nicht selber denken? Da wären zum einen die treuen Anhänger der Krone, ob nun die höheren Kreise der Metrowacht, die Kammer des Königs oder das Militär, denen daran gelegen sein wird, dass dieses Wissen nicht in die falschen Hände gerät. Ob nun, um sich selber auf die Suche zu machen oder um jegliche Suche zu unterbinden, sei dahin gestellt. Dann gibt es natürlich die Feinde unseres Königreichs. Trenai gehört zu den Hügelstätten. Allein die Briefe, die zwischen dem unbekannten Lieferanten der Tagebücher und unserem verstorbenen Professor hin- und hergeschickt worden sind, müssen auf beiden Seiten der Grenze zumindest als Verdächtig betrachtet worden sein, wenn man nicht gleich Hochverrat darin gesehen hat. Und das sind nur die Hügelstätter. Ob Gnemiar auch auf die eine oder andere Weise in die Sache verwickelt sein könnte, kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber warum sollten wir außerhalb unserer Grenzen suchen, wenn die Feinde doch so nahe liegen: Mit den Separatisten aus Uvrialac haben wir ja alle bereits Bekanntschaft gemacht, wenn auch nur indirekt. In diesem Zusammenhang wäre aber das Augenmerk eher auf die oravahlischen Separatisten zu lenken, was die Wunden im Rücken der Leiche ebenfalls nahelegen würden. Man sollte jedoch nicht zu voreilige Schlüsse ziehen, nur weil zwei Indizien für diese Terroristen sprechen. Schließlich leben auch noch einige Menschen von den Darndianen hier, denen man gehiembündlerische und umstürzlerische Aktivitäten nachsagt. Wenn die Legenden um das Horn wahr sind, könnten sie alle von dem Besitz des Artefakts profitieren, auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt gelassen mit Magie umgehen. Habe ich jemanden vergessen?"
"Die Druiden?"
"Ach ja. Bei ihnen wäre allerdings eher anzunehmen, dass sie verhindern wollen, dass die Ahnen erneut gestört werden. Ähnliches gilt wohl auch für die Anhänger der Frühlingskönigin, wobei wir derzeit wohl kaum etwas aus dieser Richtung befürchten müssen.“ Als die Jungs Einspruch erheben wollten, hob er nur die Hand und ignorierte alle gemurmelten Einwände. „Und lasst uns auch nicht all die anderen Verrückten und Monster vergessen, denen der Besitz einer Armee bei dem einen oder anderen Plan helfen könnte."
"Soll das heißen, Herr Unterschnitt, dass wir erst einmal der offensichtlichen Spur nicht mehr folgen sollen?"
"Ganz im Gegenteil. Es ist schließlich so offensichtlich, weil etwas dahinter steckt. Entweder die Oravahler haben etwas damit zu tun, oder jemand will den Verdacht auf sie lenken. In beiden Fällen muss es untersucht werden."
"Eine Frage habe ich noch, Herr Unterschnitt: wie konnte der Professor mit jemandem im Feindesland kommunizieren?"
"Es gibt Mittel und Wege, Tiscio. Vielleicht ist er den ganz offiziellen gegangen und hat sich der Zensur ausgesetzt. In diesem Fall ist der Schriftverkehr sicherlich irgendwo vermerkt, obwohl wir kaum an diese Unterlagen gelangen werden. Andererseits könnte er auch etwas Widerrechtliches getan haben. Schmuggler fielen mir da ein, besonders für den Transport der Kiste. Wäre interessant zu erfahren, was für ein Mensch Herr Ulfhaus tatsächlich gewesen ist."

Nach dem Gespräch verließen die Freunde das Haus in der Konditorgasse und trennten sich für den Abend. Tis und Mal wollten sich zwar noch in einer Gaststätte treffen, Gunnar verabschiedete sich jedoch. Er machte einen Abstecher über den Markt, wo ihm eine der letzten Blumenfrauen einen kleinen Strauß band, den er wenig später Alwald überreichte, bevor er sich ihr erschöpft in den Arm fallen ließ.
Tiscio und Malandro hingegen unternahmen noch einen letzten Gang. Als sie die Feldstraße betraten begannen Malandros Schritte zögerlicher zu werden. Tiscio musste ihn fast zum Eingang des Miethauses zerren, obwohl auch er ein schlechtes Gewissen hatte.
Als auf ihr Klopfen hin die Tür von Walmo geöffnet wurde, war ihr Empfang erwartungsgemäß auch wenig freundlich.
"Wie geht's? Ihr wollt zu Walde, nich'? Habt ihr wieder was ausgefressen?" Selbst die erste Frage klang wie ein Vorwurf.
"Hallo Walmo. Ne, wir ham nichts anagestellt. 'tschuldige, dass wir so lang nich' da warn."
"Aber zu Walde wollt'er trotzdem."
"Ist sie da?"
Waldes Bruder gab die Tür frei und ließ sie zur Kammer der drei Geschwister durchgehen. Walter war nicht da, aber die junge Schwester, das Mädchen, welches Geister sehen konnte, hockte auf ihrer Matte und starrte sie beim Hereinkommen an, als hätte sie sie erwartet, was sie wahrscheinlich auch getan hatte.
"Ich will nich'."
"Hallo Walde. Wie geht es dir?"
"Gut. Trotzdem will ich nich'."
"Was willst du nicht? Wir haben doch noch nicht einmal erzählt, warum wir hier sind."
"Ich will nich' für euch nach Geistern gucken."
"Woher ...", setzte Tiscio an, unterbrach sie aber selbst, als er merkte, wie unnötig es war, eine Hellseherin nach dem Ursprung ihres Wissens zu fragen.
"Wie geht's denn in der Schule", fragte Malandro stattdessen.
"Ist besser. Die anderen lassen mich in Ruhe." Malandro nickte. Es war nicht gut, aber besser als die Prügel und der ganze andere Ärger, dem sie noch vor zwei Jahren ausgesetzt gewesen war.
"Trotzdem will ich nich'. Du weißt warum, Tis." Und Tiscio wusste es. Walde hatte ihn einmal sehen lassen, was sie sehen musste, wenn die Toten zu ihr kamen. Es war nichts, was ein kleines Mädchen ständig sehen sollte, auch wenn sie es damals tapfer ertragen hatte.
"Komm Malandro. Wir sollten öfter herkommen, aber nicht, um Walde um etwas zu bitten." Er wuschelte kurz über das struppige Haar des Mädchens und verabschiedete sich, dicht gefolgt von Malandro, der immer noch Walmos Blicken auswich.

Keiner von beiden sagte etwas, während sie in der Walkriede ihren Bericht für Unterschnitt schrieben. An sich war es kein schlechter Tag gewesen. Aber Tiscio hatte immer noch an seinem Rüffel zu knabbern und die Rückkehr in die Feldstraße, die beide immer wieder hinausgeschoben hatten, war nicht dazu angetan, für gute Stimmung zu sorgen. Sie erinnerte sie zu sehr daran, wie viel besser es ihnen und wie schlecht es weiterhin den anderen ging.




Die Jungen aus der Feldstrasse