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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 10

Malandro winkte Tiscio schon von weitem mit einem der Briefe aus der Wohnung des Professors zu.
"War ganz leicht. Hab ein wenig rumgekramt und als sie nicht gekuckt hat, habe ich zwei eingesteckt. Wie Äpfel klauen."
"Wie Äpfel klauen. Verlernt man nie, obwohl ich das natürlich nicht mehr mach."
"Natürlich. Wo ist Gunnar?"
"Fühlt sich nicht wohl."
"Was hat er?"
"Wollt' er nicht sagen. Vielleicht war er nur frustriert. Ich glaub', die Sache mit seinem Vater macht ihm zu schaffen."
"Klar. Vor allem, wenn er diesen Mord untersuchen muss, aber sich keiner um den an seinem Vater kümmert."
"Ich kümmere mich, und das ist nicht ganz ungefährlich."
"Ich weiß. Auch Apfelhelm versucht alles in seiner Macht stehende. Aber es gibt zu wenig Anhaltspunkte."
"Wir hatten auch nicht so viel Erfolgt wie du. Eigentlich wollten wir ja noch mal das Büro durchsuchen, aber der Assistent hat abgeschlossen. Immerhin wissen wir jetzt, wo er wohnt."
"Ihr wart bei ihm zuhause?"
"Beim Verbindungshaus, aber da war er auch nicht."
"Wollen wir ihn weiter suchen?"
"Hat Herr Unterschnitt Zeit? Dann könnten wir ihm die Briefe bringen."
"Ne, der ist fast den ganzen Tag mit einer Diebstahlssache beschäftigt."
"Dann fällt mir auch nichts Besseres ein."
Also setzten sie die Suche fort, bis sie Liweg in der Bibliothek fanden. Tiscio kam der Gedanke, dass er bereits dort gewesen sein konnte, als Gunnar hier vorbeigeschaut hatte, verwarf aber schnell alle damit zusammenhängenden Überlegungen.
Bevor sie ihn ansprachen versteckte sich Malandro zwischen zwei Regalen und verabschiedete sich mit den Worten: "Sehn uns im Fredel". Tiscio nickte kurz. Keine schlechte Idee. Zum einen würde sich der Assistent vielleicht weniger bedroht fühlen und mit einem Wachtmeisteranwärter anders sprechen als mit dem Gehilfen des bekanntesten Detektivs, zum anderen konnte Mal ihn beobachten.
"Herr Liweg?"
"Ach, ich habe mich schon gefragt, wann ihr Bertis wieder auftaucht." Liweg klang etwas resigniert und Tiscio war nur zu bereit, den falschen Eindruck seiner Autorität aufrecht zu erhalten.
"Wir wollten noch einmal das Büro Untersuchen."
"Noch mal? Was gibt‘s denn noch zu sehen. Gestern war sogar schon das Personal da und hat den Teppich rausgebracht. Jetzt ist sowieso nichts mehr da, wo es sein sollte."
"Trotzdem würden wir gerne einen letzten Blick auf seine Bücher werfen", während er das Sprach, fiel Tiscios Blick auf die aufgeschlagenen Folianten vor Liweg. Er konnte nur wenig Text, dafür aber umso mehr Diagramme erkennen, was ihm angesichts des Studienfachs des Studenten seltsam erschien. Aber vielleicht war er ja auch ein Querstudent.
"Ich muss heute wirklich studieren."
"Sie brauchen ja nur die Tür aufzuschließen. Ich hinterlasse den Schlüssel dann später bei der Sekretärin des Dekans." Wie ein Berti zu sprechen war Tiscio immer noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen, aber er wurde besser.
Liweg seufzte. "Den Schlüssel hätten sie auch vom Hausmeister bekommen können. Da hätten sie mich nicht stören müssen." Er sah in Tiscios Gesicht, der seinen Blick mit all der Autorität erwiderte, die ihm das Bewusstsein um die Uniform verlieh. Der Student wandte zuerst die Augen ab.
"Entschuldigen sie. Es ist nur, dass ich irgendwie die ganze Zeit darauf warte, abgeführt zu werden." Damit kramte er in einer Tasche seines Sakkos und überreichte Tiscio den Schlüssel.
Als der Wachtmeisteranwärter die Bibliothek verließ, konnte er Malandro nicht mehr entdecken. Zwischen den Regalen, die ihm zuvor Zuflucht geboten hatten, stand jetzt ein älterer Mann mit kurzem Bart, einer ausgebleichten Jacke und Tintenflecken an den Fingern. Malandro hatte ihnen diesen Trick in Unterschnitts Küche bereits gezeigt, deswegen war Tis nicht überrascht. Trotzdem war ihm ein Rest Misstrauen gegenüber aller Magie geblieben, die ihn ein wenig frösteln ließ, wenn er darüber nachdachte, dass sein Freund jetzt ein Hexer war.

Malandro kannte bisher noch nicht viele Zauber, aber dieser eine, der ein Bild über seinen Körper warf und ihm erlaubte, unerkannt durch die Stadt zu laufen, würde vermutlich lange seine liebste Magie sein. Seine Kraft reichte nicht aus, ihn oft oder dauerhaft zu wirken, wenn er jedoch vorsichtig war, würde er Liweg schon eine ganze Weile verfolgen können.
Inzwischen hatte er auch gelernt, dass es nicht ausreichte, sein Äußeres zu ändern, gleichgültig wie überzeugend der generelle Eindruck sein mochte. Auf die Kleinigkeiten kam es an. Unregelmäßigkeiten, Merkmale, die auffällig waren, ohne einen tatsächlich auffällig zu machen. Eine Warze auf der Wange, die Strähnen grauen Haars, der Schmutz an der Hose und den Schuhen. Außerdem legte er bei jeder magischen Verkleidung Wert darauf, seine Haltung ein wenig zu verändern und auch seinen Gang anzupassen. Bei seiner Stimme konnte er nicht so viel tun. Da er sich jedoch meist sowieso nur für Verfolgungen und Beobachtungen einen Glanz überwarf, stellte dies für gewöhnlich kein Problem dar.
Er war immer froh, wenn er die Dinge, die er von Apfelhelm gelernt hatte, für etwas Sinnvolles einsetzen konnte, auch wenn seine Observation Liwegs nicht besonders aufregend war. Erst musste Malandro fast eine Stunde warten, bis der Student endlich aufstand, um die Bibliothek zu verlassen. Bis dahin war das magische Gespinst natürlich verflogen und er sah wieder aus wie Malandro. Daher folgte er ihm erst einmal in seiner wahren Gestalt, bis der Student die Mensa aufsuchte. Mal warf einen kurzen Blick in die große Halle und entschied, dass er hier keine Chance haben würde, unentdeckt zu bleiben.
Er suchte sich ein dunkle Ecke, was schwieriger war, als er gedacht hatte, und wob ein zweites Mal eine Verkleidung. Diesmal war er ein junger Geck, ähnlich gekleidet wie Liweg, versehen mit Backenbart und langem, glatten Haar. So verkleidet durchschritt der den Saal und setzte sich ein gutes Stück hinter sein Ziel. Da er nicht mehr genug Geld dabei hatte, beschäftigte er sich mit einem Teller, den jemand stehen gelassen hatte. Die Reste dessen, was einmal daraus gegessen worden war, sahen nicht appetitlich aus.

Auf diese Weise folgte Malandro Liweg den ganzen Tag. Von einem Hörsaal in den nächsten, einmal zurück zum Zimmer des Toten, wo sich der Assistent zu spät daran erinnerte, dass er keinen Schlüssel mehr dabei hatte, und schließlich ins Fredel, wo er wieder auf Tiscio traf, kurz nachdem sein letzter Zauber die Wirkung verloren hatte.

Der junge Wachtmeisteranwärter hatte einen guten Teil seines Tages damit verbracht, das Büro erneut zu durchsuchen. Wie Liweg gesagt hatte, war der Teppich entfernt worden. Dazu hatte jemand den Schreibtisch zum Fenster hin verschoben, wodurch die hübschen Büchertürme wieder in Unordnung geraten waren. Tiscio war dieses Mal gewissenhafter als die Male zuvor. Er nahm jedes Buch zur Hand und blätterte es durch. Bei dreien konnte er nicht einmal die Schrift entziffern, bei gut der Hälfte scheiterte er an der Sprache, die entweder zu alt oder vollständig fremd war. Bei den Restlichen handelte es sich überwiegend um alte Schwarten über die Entstehung der Stadt. Ein paar Abhandlungen zur Sprache waren auch dabei, wobei Tis wenig davon begriff, schon weil viele der verwendeten Begriffe erneut in einer alten Sprache gehalten waren. Er wünschte sich, Gunnar hätte ihn begleitet. Sein jüngerer Freund hätte vielleicht mehr mit den Büchern anfangen können.
Vorsichtshalber zückte er seinen Block und notierte sich den Titel jedes Buches und fügte einen kleinen Vermerk hinzu, entweder darüber, was er glaubte, um was es sich bei dem Werk handelte, oder warum er keine Meinung abgeben konnte.
Anschließend warf er noch einen Blick auf das Bücherregal und versuchte anhand der leeren Stellen auf die fehlenden Bücher zu schließen. Einige Bücher auf dem Tisch konnte er zuordnen, andere blieben ihm unbekannt.
Zu guter Letzt nahm er sich die Schubladen des Schreibtisches vor. Seine Kollegen hatten bereits ganze Arbeit geleistet und jede aufgebrochen, die sie verschlossen vorgefunden hatten. Es war auch unmöglich zu erkennen, ob die Unordnung in den Fächern vom Professor oder den Metrowächtern stammte. Soweit er es jedoch beurteilen konnte, hatte er zumindest seine verräterische Korrespondenz mit dem Ausland aus seinem Berufsleben herausgehalten, wenn er schon nicht seine privaten Interessen im Privaten belassen hatte.
Insgesamt blieb seine Suche insoweit ergebnislos, da er nichts Neues fand, auch wenn er dies als ein Ergebnis hätte betrachten können.

Nachdem er den Schlüssel abgegeben hatte, suchte er das Fredel auf, um die Mitglieder der Verbindung besser kennen zu lernen. Er trug noch immer seine Uniform, weswegen er an seinem Tisch alleine blieb und misstrauische Blicke erntete. Trotzdem gelang es ihm, einige Gespräche zu belauschen. Neben anderen Scherzen, die zum Tod des nicht besonders beliebten Professors gemacht wurden, hatte sich vor allem das, was er auch schon von Pestadt gehört hatte, als wahrscheinlichstes Motiv bei den Warmsynianern durchgesetzt: "Dem Studenten möchte ich die Hand schütteln", "ich würd ihm glatt einen ausgeben" und "man sollte es mal als Besoldung der Professoren anregen", waren in der einen oder anderen Form zu hören.
Irgendwann gab er es auf, den Studenten zuzuhören. Er nahm sich seinen Block und versuchte ein wenig Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Er schrieb ganz oben aufs Blatt den Namen des Professors und vermerkte dazu: "Alte Sprachen und Geschichte von Xpoch". Daneben malte er einen Kreis, in den er "Trenai" kritzelte. Darunter schrieb er "Seklons Horn", "Mahlstrom" und "Rohloff, der Erzverräter". Auf die andere Seite zog er einen weiteren Kreis, in den er "Mordwaffe: Kurzschwert" quetschte. Mit einem Fragezeichen versehen kritzelte er darunter "Oravahl, "Uvrialac" und "Darndianen". Der Vollständigkeit halber fügte er noch "Druiden", "Dämonen" und, einer Laune folgend, "Hauptmann Quick" hinzu. Den nahezu mythischen Anführer der Fabriksaboteure hatte zwar bisher niemand erwähnt, aber bei der Metrowacht war es ein Dauerwitz. ihn für jedes ungeklärte Verbrechen zu verdächtigen. Zu guter Letzt ergänzte er die Liste noch um "Studenten" und "Professoren". Denn natürlich konnte man nicht ganz ausschließen, dass der Mörder aus diesen Kreisen stammte.
Was wusste er noch? Auf jeden Fall, dass es zu viele Verdächtige gab, wenn man das Horn mit einbezog. Immerhin könnte der Mann auch ein Verräter gewesen sein. Bei diesem Gedanken fügte er stöhnend noch "Militär" und "Hügelstätte" hinzu. Wer kam derzeit eigentlich nicht als Mörder in Frage? Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lehnte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch.
In dieser Haltung verharrte er, bis Malandro ihn fand. "Ich glaube, die Haushälterin ist auch wichtig" stieß der Bertianwärter in nicht vollständig gespielter Verzweiflung hervor. Warum musste alles, was sie fanden, zu noch mehr Verdächtigen führen?




Die Jungen aus der Feldstrasse