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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 15

Sie hielten sich nicht lange bei Unterschnitt auf sondern gingen gleich weiter zu dem kleinen Haus, in dem Linnbeth wohnte. Sie war eine große, kräftig gebaute Frau, die die Freundlichkeit nicht gerade gepachtet hatte. Dennoch hatten die Feldstraßler sie ins Herz geschlossen. Es war eine Formulierung, die ihre Gefühle ihr Gegenüber sehr gut beschrieb, obwohl nicht einmal Gunnar es so ausgedrückt hätte.
Linnbeth hatte ihnen bei der Sache mit den Dämonen beigestanden. Sie hatte zuvor bereits zusammen mit Unterschnitt, Soldrang und Gunnars Vater vor vielen Jahren bei den Dämonenunruhen gegen die unnatürlichen Wesen gekämpft. Was sie jetzt machte, wussten die drei nicht, aber wie Unterschnitt bereits gesagt hatte, bewegte sie sich in anderen Kreisen als die Feldstraßler oder der Privatermittler und konnte daher vielleicht ein paar Dinge erfahren, an den sie nicht so leicht herankamen
Auf ihr Klopfen hin machte jedoch niemand auf. Gunnar schrieb schnell eine Nachricht, dass sie sie gerne treffen würden, gab als Ort die Walkriede an und als Zeit halb neun.
"Meint ihr, sie hat auch Kontakt zu der Abenteurer Gilde?"
"Kann sein. Wieso fragst du?"
"Ich dachte nur, dass wir zu Arm sind, um bei den Neuschaffenern aufgenommen zu werden. Aber wenn die eine Expedition organisieren, holen sie sich immer ihre Mannschaft aus der Gilde."
"Woher weißt du das?"
"Hat mein Vater mir mal erzählt. Auf jeden Fall dachte ich mir, wenn ich an einer Expedition teilnehmen will, wäre es am einfachsten, den Abenteurern beizutreten."
"Wieso willst du an einer Expedotion teilnehmen?"
"Macht sich gut in meiner Vita."
"In deiner was?"
"In meinem Lebenslauf. Ach kommt schon, wollt ihr mich auf den Arm nehmen?"
"Immer, aber was meinst du?"
"Na, wenn über einen geschrieben wird, dann steht da auch immer drin, was man so gemacht hat. Und als Naturphilosoph ist es eben immer besser, wenn man auch mal an einer Expedition teilgenommen hat. Sonst liest sich das recht langweilig: Gunnar van der Linden, geboren, studiert, ein paar Erfindungen gemacht, ein paar Sachen geschrieben und am Ende gestorben. Sowas wie: 'hat an der Forschungsfahrt zu den Darndianen unter dem berühmten Professor Werauchimmer teilgenommen' macht sich da ziemlich gut drin."
"Du bist echt so'n Piesepampel. Du planst ernsthaft, was andere über die schreiben?"
"Naja, das auch, aber man sammelt doch auch eine Menge Erfahrungen dabei."
Der Weg zur Konditorgasse war eigentlich nicht besonders weit. Sie mussten zwar einmal durch das Marktzentrum, aber mit dem schnellen Gang eines Xpochlers ließen sie auch dieses bald hinter sich. Trotzdem kam Gunnar der Weg diesmal sehr lang vor und er bereute mit jedem Schritt, die Frage gestellt zu haben, denn die Sticheleien seiner beiden Freunde nahmen kein Ende.

Da Malandro bei ihnen war, machte ihnen Soldrang die Tür auf.
"Herr Unterschnitt ist noch nicht wieder zuhause", informierte sie der Buttler ungefragt. Sie hätten gerne mit ihm gesprochen, aber in diesem Moment gab es wichtigeres für die drei jungen Leute.
"Kriegen wir etwas zu essen?" Viel der Zauberlehrling mit der Tür ins Haus
"Nur wenn sie es sich selber zubereiten", antwortete Soldrang ohne das Gesicht zu verziehen oder auch nur zu zögern.
Malandro winkte seine Freunde in die Küche hinunter, wo sie bald darauf damit begannen, Zimtschnecken zu backen. Es war eines der wenigen Rezepte, die Malandro kannte und das auch nur, weil er Soldrang regelmäßig dabei helfen musste, sie zu backen. Ihr Gastgeber hatte eine Schwäche für dieses Gebäck, weswegen er es mindestens einmal in der Woche vorgesetzt bekommen wollte.
Das Ergebnis schmeckte am Ende nicht ganz so gut, wie das, was er mit dem Buttler zusammen buk, sie waren es jedoch zufrieden, denn für eine kostenlose Mahlzeit waren sie geradezu grandios. Nur Tiscio bereute wenig später das Essen, denn er hatte den Teig probiert.
Gerade als sie die fertigen Schnecken aus dem Ofen holten, kam auch Unterschnitt nach Hause
"Willst du Zimtschnecken?"
"Du weißt, dass du mich das nicht zu fragen brauchst."
"Ich wollte dich nicht gleich mit meiner anderen Frage überfallen."
"Ist sie so schlimm?"
"Weiß nich'. Warst du schon beim Neuschaffensklub?"
"Nicht direkt. Ich habe aber jemanden aufgesucht."
"Könntest du uns vielleicht mitnehmen, wenn du hingehst?"
"Nein, das ist nicht möglich. Wenn ich überhaupt jemanden mitnehmen darf, dann Soldrang als meinen persönlichen Bediensteten."
"Wäre es möglich, dass jemand aus dem Klub etwas über meinen Vater weiß? Vielleicht an was er gearbeitet hat?"
"Ich werde versuchen, ein paar Fragen in diese Richtung zu stellen?"
"Könnten Sie vielleicht auch bei der Abenteurer Gilde nachfragen? Nicht nur wegen meines Vaters, sondern auch wegen des Mords an Professor Ulfhaus? Und wegen des Mahlstroms?"
"Zu den Abenteurern habe ich keinen direkten Kontakt. Da wendet ihr euch am besten an Soldrang. Er ist mein Verbindungsmann zu diesem wilden Haufen."
"Könnten die Abenteurer etwas damit zu tun haben?" fragte Tiscio.
"Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall nicht als Organisation. Sie hätten zu viel zu verlieren. Nach außen hin treten sie fast ausschließlich als Handlanger des Neuschaffensklubs auf. Deswegen vermeiden sie kriminelle oder politische Aktivitäten. Als Einzelpersonen gibt es vermutlich jedoch keine andere Gruppe in Xpoch, die sich neben den Banden besser als Rekrutierungsbasis für Schläger und Verbrecher eignet als die Abenteurer. Man sollte bei ihnen nicht vergessen, dass es keinem von ihnen darum geht, wissenschaftlich zu arbeiten. Sie sind auf ihre eigene Bereicherung aus."
"Na Gunnar, immer noch interessiert daran, ihnen beizutreten?" Der Angesprochene zog nur die Schultern hoch. Seine vorherigen Überlegungen wurden vom schlechten Leumund der Gilde nicht ausgehebelt.
"Trotzdem sollten wir alles probier‘n", fuhr Malandro fort. "Wir hängen gerade ziemlich in der Luft. Hast du nicht vielleicht 'ne Idee?"
"Ich hatte noch nicht so viel Zeit, mich mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Ihr seid meine Augen und Ohren. Wenn ihr nichts wisst, dann kann ich kaum mehr wissen als ihr?"
Unterschnitts letzte Äußerung war wenig dazu geneigt, ihnen viel Hoffnung zu machen, weswegen sie wenige Augenblicke später Soldrang aufsuchten, der gerade das Zimmer seines Herrn aufräumte. Für Malandro war es normal, Unterschnitts Zimmer zu betreten, wenn sein Lehrer nicht anwesend war. Für die beiden anderen jedoch fühlte es sich immer noch wie das Eindringen in den privatesten Bereich des Privatermittlers an, was es streng genommen auch war.
"Guten Tag Herr Soldrang. Kann ich sie etwas Fragen?"
"Guten Tag Herr van der Linden. Worum handelt es sich?"
"Könnten Sie Kontakt zu der Abenteurergilde aufnehmen?"
"Apfelhelm hat uns gesagt, dass sie sich da auskennen", stand Malandro seinem Freund bei.
"Ich glaube, dass mein Vater an etwas gearbeitet hat, vor seinem Tod, meine ich. Wäre es möglich, dass die Abenteurer damit zu tun hatten? Oder dass sie es entwendet haben? Oder mit dem Mord?"
"Ich kann nicht sagen, dass ich etwas darüber weiß, aber ich werde gerne Erkundigungen einziehen."
"Wo findet man die Abenteurer denn? Haben die eine Kneipe?" Gunnar stellt die Frage so, als würde er es wirklich nicht wissen, und seine Freunde bemerkten ein weiteres Mal, wie wenig er tatsächlich über die dunkleren Seiten seiner Heimatstadt wusste.
"Der offizielle Versammlungsort der Gilde befindet sich in ihrem Gildenhaus im Beshnaistieg."
"Kann man da einfach so rin?" meldete sich nun auch Tiscio, der zwar von dem Gildenhaus gewusst hatte, bei den Einzelheiten jedoch ins Schwimmen gekommen wäre.
"Selbstverständlich kann jeder das Gildenhaus aufsuchen. Für Applikanten und Auftraggeber gibt es keine andere Möglichkeit, mit ihnen zu Kommunizieren."
"Wir könnten also einfach hingehen, einen Auftrag erteilen und bezahlen?"
"Vermutlich, Tis, aber wir sollten nicht so viel Aufmerksamkeit erregen und vor allem: womit willst'e bezahlen?"
"Bastige Grütze. Stimmt."
Tiscio wandte sich bereits wieder aus dem Raum, als Gunnar eine weitere Frage stellte.
"Wie würdet ihr heimlich eine Nachricht in die Hügelstätte bringen?"
"Keine Ahnung."
"Weiß ich auch nicht, aber wäre schon nicht schlecht, denjenigen zu finden."
Gunnar nickte Malandro zu und wandte sich erneut an Soldrang: "Würden sich die Abenteurer für sowas anheuern lassen?"
"Es ist nicht auszuschließen, dass sich unter ihnen auch Schmuggler befinden. Die Gilde übernimmt die meisten Aufgaben, die beauftragt werden, wenn auch nicht immer offiziell."
"Dann würden sie mit uns vermutlich nicht sprechen."
"Ich sehe keinen Grund, warum sie es nicht tun sollten, Herr Canil."
"Weil ich ein Berti bin."
"Wahrscheinlich hängt es ganz von den gestellten Fragen ab."




Die Jungen aus der Feldstrasse