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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 18

Der nächste Tag, der dritte des siebten Monats, war ein Sonntag. Alle drei waren sie in den Lehren Hetradons erzogen worden, dem Gott, dessen oberster Diener der König von Xpoch war. Der einzige Gott, der von der feinen Gesellschaft akzeptiert wurde und der den Staat stützte und trug.
Allerdings tolerierte ihr König die Verehrung anderer Götter, Geister und Mächte in seinem Reich, solange sie und ihre Anhänger sich nicht dem Staatswohl entgegenstellten. Daher war es seit Jahren ein willkommener Zeitvertreib aller Xpochler, den alten Tempelbezirk in der Nähe der Universität aufzusuchen, um sich von den verschiedenen Priestern, Predigern und Gurus unterhalten zu lassen. Für viele war dies nicht mehr als eine Gelegenheit, sich über die Ungläubigen lustig zu machen. Andere liebten das mystische und unheimliche dieser fremden Kulte. Aber die meisten waren auf der Suche nach etwas, das ihnen die Staatsreligion auf die eine oder andere Weise nicht zu geben vermochte.
Auf diese Weise florierten die verschiedenen Sekten und Glaubensgemeinschaften während sich ihre Anhänger in den engen Straßen um die viel zu kleinen Tempel und Schreine drängten.
Da Tiscio an diesem Sonntag seinen freien Tag hatte, taten Gunnar und Malandro ihm den Gefallen, eine alte Helferin zu besuchen.
Wie immer fanden sie Vilet Freifrieder in dem kleinen Raum zwischen zwei Schreinen, den sie mit Kissen und Decken ausgelegt hatte. Vilet war vor zwei Jahren die Frühlingskönigin gewesen. Bis heute waren sich die drei nicht ganz sicher, was das bedeutete. Nur so viel, dass sie offensichtlich keine Priesterin gewesen war, denn als ihr Priester hatte kurzfristig Tiscio selbst agiert. Sie war jedoch auch kein Gott gewesen, denn sie hatte immer von der Göttlichen Macht gesprochen, von der sie ihre Kräfte erhalten hätte. Ihretwegen hatten sie mit einem geflügelten Boten gesprochen und waren einem kleinen Mann begegnet, der mit einem Fingerzeig einen Feuerdämon eingefroren hatte. Sie vermuteten, dass er der Winterhirte gewesen war, der Gegenspieler und Beschützer aller Frühlingsköniginnnen. Aber nicht einmal Vilet hatte es ihnen bestätigen können.
Malandro vermutete zwar, dass sie es gekonnt hätte, aber aus irgendeinem Grund das Geheimnis hatte wahren wollen. Es fürchtete, dass er niemals über ausreichend Magie verfügen würde, um die Wahrheit in Erfahrung bringen zu können, und ohne übernatürliche Mächte war nichts aus Vilet herauszubekommen.
Sie warteten wie alle anderen in der Schlange, obwohl Vilet ihre Anwesenheit bereits mit einem Lächeln und einem Nicken zur Kenntnis genommen hatte. Anders als all die anderen Priester predigte Vilet nicht. Schon als sie noch über die Autorität der Frühlingskönigin verfügt hatte, hatte sie ausschließlich mit jedem ihrer Anhänger persönlich gesprochen. Jetzt wo sie nur noch Vilet Freifrieder, Handwerkerin und Witwe, war, hatte sie von ihren Bemühungen nicht abgelassen, auch wenn sie all die kleinen und großen Wunden nicht mehr durch ein einfaches Handauflegen heilen konnte. Trotzdem kamen die Anhänger der Frühlingskönigin weiterhin zu ihr, hörten auf ihre Worte und warteten auf die nächste Inkarnation einer Prophetin der Göttlichen Macht.
Das Tiscio sie besuchen wollte, war nicht ganz uneigennützig, wohnte doch seine Mutter immer noch bei Vilet. Daher waren seine ersten Worte auch wenig überraschend.
"Wie geht es meiner Mutter?"
"Es geht ihr schlecht, Tiscio. Es wäre gut, wenn du sie besuchen würdest." Es klang keine Anklage, kein Vorwurf in Vilets Stimme mit. Dennoch musste Tiscio seine Hände unwillkürlich zusammenballen.
"Aber ... aber ich ... ach ... ich kann doch nichts tun." Für einen Augenblick fragte er sich, was seine Freunde denken mochten, vermied aber jeglichen Blick in ihre Richtung.
"Allein dass du da wärst, würde ihr helfen." Vilet legte ihm eine Hand auf den Arm. Als er sich nicht gegen die Bewegung wehrte, beugte sie sich zu ihm hinüber und nahm ihn in den Arm. Es war ein gemeiner Trick. Sie musste einfach wissen, dass er in ihren Armen zu einem kleinen Kind zusammenschmelzen würde. Irgendetwas ihrer alten Macht musste noch in ihr stecken, sonst hätte sich ihre Umarmung unmöglich so vertraut, umfangend und friedlich anfühlen können.
Erst als sie ihn los lies, konnte Tiscio sich von ihr befreien. Er stand sofort auf und verließ den Schrein ohne noch einmal zurückzublicken, auch wenn er wusste, dass die Blicke seiner Freunde ihm folgten. Normalerweise wären sie ihm hinterhergelaufen, aber diesmal hatte Gunnar sich selbst eingereiht, um ebenfalls mit der älteren Frau zu sprechen.
"Gunnar. Wie geht es dir?" Natürlich kannte sie ihn. Nicht nur hatte sie die Feldstraßler bei ihrem großen Abenteuer begleitet, sie lebte auch seit Jahren nur wenige Häuser weiter vorne in der Zirklergasse und hatte den Jungen aufwachsen sehen.
"Nicht so gut."
"Es tut mir so leid für dich und deine Mutter. Wie kommt ihr zurecht? Kann ich euch helfen?"
"Ich weiß es nicht." Gunnar schwieg und hoffte, dass Vilet etwas sagen würde, ihm die schwierige Aufgabe abnahm, ihr seine Gedanken zu offenbaren. Stattdessen blickte sie ihn nur an und wartete, bis er die Stille füllen musste.
"Mein Vater wurde ermordet. Und ich weiß nich einmal warum. Niemand weiß es. Und die Metrowacht hat aufgegeben. Sie wissen nichts. Und ich weiß nicht, was ich tun soll." Gunnar hatte sich nach vorne gelehnt und sprach leise, auch wenn die Worte mit immer größerem Nachdruck seinen Mund verließen. Er wollte auf keinen Fall, dass Malandro, der am Eingang des Schreins stand, ihn hören konnte.
"Die ganze Zeit will ich die Mörder finden und ihnen den Kopf einschlagen, so wie sie es mit meinem Vater gemacht habe. Und dann will ich nur, dass alles zu Ende ist." Er wurde rot und konnte nicht weitersprechen. Vilet fasste ihn erschrocken an den Schultern.
"Willst du sagen, dass du überlegst, dich umzubringen?" Zur Antwort senkte Gunnar den Kopf.
"Es ist alles so sinnlos."
"Die Mörder zu finden?"
"Wahrscheinlich sind sie schon weit weg."
"Warum willst du sie dann finden. Ist es wirklich nur, weil du dich rächen willst? Oder willst du vielmehr wissen, was wirklich geschehen ist?" Erneut schwieg Gunnar, diesmal jedoch, weil ihn die Frage überraschte.
"Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich meine, nicht so richtig. Aber das kann ich auch nicht rausbekommen."
"Vielleicht würde es dir helfen, wenn du zuerst nach den Gründen und dann nach den Tätern suchst. Ein anderer Ansatz, habe ich gehört, kann oft den Durchbruch bringen." Gunnar nickte und wollte sich schon erheben, als Vilet ihn ergriff und ebenfalls umarmte. Es war so ein kurzes Gespräch gewesen und es war kaum etwas gesagt worden, was ihm nicht sowieso im Kopf herumgespukt hätte. Aber die ruhige Art und vor allem das offene Ohr, mit dem sie nicht nur die Gedanken, sondern auch die Gefühle an die Oberfläche zerrte, hatten Gunnars Einstellung verändert. Es war nur ein kleiner Schubs in eine andere Richtung, aber der Gedanke, sich selbst das Leben zu nehmen, um all den Problemen zu entkommen, erschien mit einem Mal unnötig.
Ihre Umarmung zementierte diese Veränderung nur.

Malandro grinste nur, als er neben Gunnar durch den Tempelbezirk ging. Genau wie Tiscio war er Vilet auf den Leim gegangen. Wenn es jedoch bedeutete, dass er in den nächsten Tagen weniger missmutig war, dann wollte er sich mit einem Grinsen begnügen, bis sich ihre Wege außerhalb des Viertels trennten und jeder von ihnen sein eigenes Zuhause ansteuerte.

Unterdessen war Tiscio in die Zirklergasse gegangen. Den Weg kannte er zu gut, hatte ihn in letzter Zeit aber nur noch genommen, wenn er Gunnar abholen wollte. Diesmal endeten seine Schritte jedoch in der Vier, wo er die Außentreppe zu Vilets Wohnung hinaufstieg. Er klopfte und musste eine Weile warten, bis ihm seine Mutter die Tür öffnete.
"Tiscio, bist das wirklich du? Was machst du hier? Du bist schon so lange nicht mehr hier gewesen." Die Worte kamen langsam und unsicher, weswegen Tis nicht erst ihren Atem riechen musste, um zu wissen, dass sie getrunken hatte.
"Ich wollte dich besuchen." Er trat ein, sobald sie den Türrahmen freigegeben hatte. Als er zögerte, schob ihn seine Mutter weiter in die kleine Stube.
"Wie schön, dass du da bist." Sie drückte ihn förmlich auf einen Stuhl und setzte sich neben ihn, wobei sie seine Hand in die ihren nahm.
"Ach, 's kommt halt das eine zum anderen. Dann noch Unterschnitt, dann ist ‘ne Woche vorbei", begann er zu plappern. "Ist aber auch schwierig. Wenn ich noch später komme bist du schon immer ..." eigentlich wollte er 'betrunken' sagen, verkniff es sich jedoch im letzten Moment. Seine Mutter hatte aber noch nicht genug Alkohol zu sich genommen, um den Satz nicht selbst fortsetzen zu können. Sie seufzte.
"Dann komm halt gar nicht, wenn's dir so unangenehm is'."
"Is' mir nich' unangenehm", log er und wunderte sich, wie leicht es ihm fiel. "Aber es würd' dir besser gehen, wenn du weniger trinkst. Der Fusel macht's nich' besser. Macht's nur schlimmer."
"Besser wird's, wenn du da bist, wenn du mir hilfst."
"Aber ich kann doch nichts tun." Er senkte den Kopf und flüsterte die nächsten Worte nur noch. "Kann sie doch auch nich' zurückbring'. Vermiss sie doch auch."
Der Griff seiner Mutter bohrte sich mit einem Mal fester in seiner Hand. Er wagte nicht, sie anzublicken, konnte die Tränen aber in den nächsten Worten hören.
"Getze hab' ich keinen mehr. Zwei sind gestorben, einer will nicht's von mir und du bist fort."
"Ich hab doch getze meine Arbeit."
"Aber du erzählst mir nichts mehr. Du meidest mich."
"Getze bin ich ja da. Wenn de mich brauchst, dann sag's mir." Es war grausam von Tiscio, seiner Mutter die Initiative aufzudrängen. Natürlich brauchte sie ihn, dass wusste er selbst, genauso wie er wusste, dass sie es nicht aussprechen würde.
"Würd'st du deine alte Mutter umarmen, Schatz? Erzähl mir, was wirklich los is'."
Er versuchte es. Er hatte keine Übung darin, andere in den Arm zu nehmen, denn außer Vilet gab es niemanden, der solche Intimitäten regelmäßig zuließ. Trotzdem hatte er bereits Fremde herzhafter umarmt als seine Mutter in diesem Moment. Er tätschelte ihren Rücken, was aber ebenfalls nicht mit der Liebe geschah, die er selbst von sich erhofft hätte. Und obwohl sich alles in dieser Situation verkehrt anfühlte, begann er seiner Mutter von den letzten Wochen zu erzählen. Wie er jeden Morgen pünktlich zur Arbeit ging, wie streng seine Vorgesetzten war, wie hart ihm der Dienst manchmal vorkam und wie stolz er trotzdem darauf war, ein Berti sein zu können. Er berichtete von den Erlebnissen mit seinen Freunden und dass Gunnar jetzt eine Freundin hatte. Am Ende verlor er sogar ein paar Worte darüber, wie nett die Kargerheims zu ihm waren. Seine Mutter ließ ein schluchzendes Seufzen hören, weswegen Tiscio endlich zu reden aufhörte und sie nur noch im Arm hielt.

Auf dem Weg zurück war Malandro noch guter Dinge gewesen. Sobald er sich jedoch in die Küche gesetzt hatte, musste er an seine Freunde denken und eine seltsame Melancholie befiel ihn. Was hatte er bisher erreicht? Er lernte Magie, soweit so gut. Und anders als Gunnar oder Tiscio war ihm auch nicht danach, über seine Familie zu jammern. Das tat er oft genug im Stillen und benötigte dafür keine Hilfe von einer alten Frau. Aber dafür hatte Gunnar ein Mädchen und eine Zukunft als Erfinder. Und Tiscio würde sich schon in der Metrowacht berappeln. Beide würde man für ihre Arbeit achten. Er selbst jedoch lernte etwas, wovon niemand etwas wissen durfte, hatte kaum noch Geld, um seinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen und fühlte sich plötzlich sehr einsam als einziger Lehrling eines berühmten Privatermittlers.
Er seufzte theatralisch, goss sich ein wenig Wasser ein und lachte laut los. Diese trüben Tassen. Jetzt hatten sie ihn tatsächlich angesteckt.




Die Jungen aus der Feldstrasse