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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 40

Der Tag begann so gut. Die Bäuerin brachte ihnen frische Milch und sogar ein wenig Käse. Anschließend ging einer nach dem anderen seinem Geschäft nach, bis Milik wieder hereinkam und etwas konsterniert feststellte: "Da kommen Reiter."
"Was für Reiter?"
Der Mechaniker zog die Schultern hoch. "Diese Reiter sehen hier doch alle gleich aus. Helme, Speere, Schilde. Alles so altmodisch."
"Bewaffnete Reiter und sie sind der Meinung, dass sei so nebensächlich, dass sie ...?"
Bereits, als das Wort "Speer" gefallen war, hatte der Buttler damit begonnen, Kol Theronds Sachen einzupacken. Nach einem kurzen Blickwechsel, liefen auch Malandro und Gunnar zu ihrer mageren Ausrüstung und kramten alles hektisch in ihre Taschen und der junge Erfinder schnallte sich den Netzwerfer über.
Sobald der unfreundliche Austausch zwischen dem Botschafter und Milik eine Pause fand, begann Malandro hektisch zu winken, um sie auf ein Loch in der Hinterwand der Scheune aufmerksam zu machen. Als die anderen keine Anstalten machten, sich in Bewegung zu setzen, rannte Malandro los und zwängte sich hinaus. Gunnar, der oft genug mit seinen Freunden vor irgendetwas davongelaufen war, folgte ihm augenblicklich. Sie waren bereits ein gutes Stück in Richtung des nahe gelegenen Waldes gelaufen, als sich ihnen die anderen drei anschlossen.

Sie schafften es bis zum Wald, bevor die Reiter den Hof erreicht hatten. Aber das hastige Gespräch der bewaffneten mit den Bauersleuten, welches sie aus den Büschen am Rande des Gehölzes beobachten konnten, und die Annäherung der Reiter machte nur allzu deutlich, dass sie nicht schnell genug gewesen waren, um der Entdeckung zu entgehen.
Die Klifsener näherten sich langsam und mit vorgehaltenen Schilden. Offensichtlich wollten sie kein Risiko eingehen und Malandro vermutete, dass der Ruf, den sie sich bei der Befreiung des Botschafters erworben hatten, wenig zu einem friedfertigen Zusammentreffen beitragen würde. Also verzog er sich weiter in den Wald und versteckten sich hinter Bäumen.
Die Stämme waren dick genug, um einen ausgewachsenen Mann zu verbergen, aber das Unterholz war leider zu spärlich, um Reiter zu behindern. Malandro und Gunnar hatten bisher wenig Erfahrung mit Wäldern gesammelt, wenn man von ihrem Besuch im Rowenwald vor zwei Jahren und ihren Märschen der letzten Tage absah. Aber dieser Wald war für ihren Geschmack viel zu licht, was daran lag, dass die Bauern der Gegend regelmäßig ihre Scheine hierhertrieben. Gunnar hätte diese Information vielleicht noch interessiert, Malandro hingegen wäre nur verärgert gewesen, dass gerade in diesem Moment in eine solche Gegend geraten waren.

Leider nutzte ihr Versteckspiel nichts. Sie konnten sogar den genauen Moment festhalten, in dem sie entdeckt wurden. Es war Milik, der als letzter seinen Platz hinter einem Busch aufgab, was einen Ausruf der Reiter provozierte. Panisch blickte sich der Mechaniker um und rannte zu einem Baum, der ihm mit niedrighängeden Ästen einen leichten Aufstieg versprach.
Während Gunnar ihm noch nachblickte, und sich wünschte, er wäre auch auf einen Baum geklettert (nur um sich gleich darauf zu überlegen, dass er es mit dem Netzwerfer auf dem Rücken vermutlich gar nicht geschafft hätte), brachen die Reiter ins Unterholz ein.
Gunnar hatte einen guten Teil des letzten Tages damit verbracht in Gedanken und bei den verschiedensten passenden und unpassenden Gelegenheiten auch lautstark, über das Gerät auf seinem Rücken zu meckern. Es war seine Erfindung und er war ziemlich stolz auf sie, deswegen hatte er sie einfach nicht zurücklassen können. Und so schwer und unhandlich der Netzwerfer die ganze Zeit gewesen war. jetzt, in diesem Augenblick, war er froh, dass er ihn dabeihatte und er setzte ihn auf die effektivste Weise ein - mehr oder weniger.
Mit dem ersten Netz traf er einen Reiter, der gerade an ihm vorbeiritt an Oberkörper und Kopf. Leider führte das nicht dazu, dass er vom Pferd stürzte. Trotzdem war er fürs erste außer Gefecht gesetzt.
Leider hatte Gunnar damit seine Position verraten und einem zweiten Soldaten gelang es, ihn mit seinem Speer am rechten Arm zu ritzen. Dafür erhielt das Pferd des Mannes ein Netz um den Kopf, was auch diesen Angreifer fürs erste von ihm ablenkte, da er verzweifelt versucht, sein Pferd unter Kontrolle zu bringen.
Auch das dritte Netz traf das Vorderteil eines Pferdes. Dieses stieg jedoch und warf seinen Reiter ab.

Unterdessen, hatte Kol Therond einen der Dolche, die er ohne das Wissen der Feldstraßler aus seinem Ornithopter geholt hatte, in das Bein eines weiteren Angreifers geworfen.
Malandro hatte sich ein weiteres Mal auf seinen Handschuh verlegt, einen vorbeireitenden Reiter jedoch verfehlt.
Inzwischen traf der Reiter mit dem Wurfmesser im Bein beim Botschafter ein und griff ihn an. Die Schramme, die er Kol Therond beibrachte, hinderte den Hügelstätter nicht daran, ihn anzuspringen und vom Pferd zu ziehen. Was folgte war ein wenig kunstvolles Raufen auf dem Boden, bei dem keiner der beiden die Oberhand gewinnen konnte. Der Soldat wurde zwar durch seine Rüstung behindert, aber immer, wenn Kol einen Schlag anbringen konnte, traf er einen Teil der Panzerung.
Malandro bekam eine zweite Gelegenheit, seinen Handschuh auszuprobieren, was einen fünften Reiter vom Pferd holte. Der Mann zuckte jedoch nur für einen kurzen Moment, während er fiel, erwartete jedoch bereits den Keulenangriff, mit dem Mal ihn endgültig ausschalten wollte. Der Feldstraßler beabsichtigte nicht, den Mann zu töten. In Selbstverteidigung konnte es passieren, nicht ihm, aber es konnte passieren. Kaltblütig jemanden mit einer Keule zu erschlagen lag ihm jedoch nicht.
Vielleicht lag es an diesem Umstand, dass er den Mann auf der Erde zweimal verfehlte. Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Mann zu geschickt darin war, unter den Schlägen wegzurollen. Vielleicht.
Auch Gunnar verspürte keinen Drang, jemanden umzubringen, aber anders als Malandro hatte er nur wenig Erfahrung darin, seine Gegner möglichst wenig zu verletzen. Er war nicht durch die harte Schule der Straßenprügeleien gegangen, bei der es nur darauf ankam, den Gegner niederzuwerfen, und wenn es nur war, um sich am nächsten Tag erneut mit ihm prügeln zu können.
Deshalb traf seine Keule den gestürzten Reiter am Auge und setzte ihn außer Gefecht.
Der Kampf endete, als der Buttler und Malandro den Mann von Kol Therond zogen und sich der sechste Reiter ergab.
"Was getze?"
"Einen Augenblick bitte", keuchte der Botschafter. Deswegen schaltete sich Milik ein: "Sollten wir sie nicht fesseln?"
Es dauerte einen Moment, bis sie ein Seil vom Bauernhof organisiert hatten - die Bauern waren überraschend hilfreich, nachdem sie den Kampf beobachtet hatten.
In der Zwischenzeit machte sich Gunnar daran, sein mageres medizinisches Wissen an den Gefangenen zu erproben. Es war nicht viel, was er tun konnte, aber er stoppte ein paar Blutungen. Nur bei dem Mann, dem er das Auge ausgeschlagen hatte, kam jede Hilfe zu spät.
Er war die dritte Person, von der er wusste, dass er sie getötet hatte. Er hatte mal gehört, dass es leichter wurde, dass man sich weniger Gedanken machte. Für ihn wurden jedoch nur die Alpträume schlimmer und seine Gespräche knapper.
"Sind die Herren aus Xpoch mit der Kunst des Reitens vertraut", riss Kol Therond Gunnar aus seinen grimmen Überlegungen.
"Gelfling Puhp!" meldete sich Milik. "Wer kann heute noch reiten? Ich kann nicht reiten."
"Sie wollen reiten?"
"Es ist eine althergebrachte Fortbewegungsmethode, die den nachgewiesenen Vorteil besitzt, jemanden schneller voranzubringen, als wenn er per Pedes unterwegs wäre."
"Ja, aber ..."
"Ich meine mich daran zu erinnern, dass gestern gewisse Unstimmigkeiten vorherrschten, dass wir zu langsam wären und niemals jemanden einholen könnten, der zwei Tage Vorsprung hat."
"Aber werden wir nicht länger brauchen, wenn wir ständig vom Pferd fallen?"
"Papperlapapp. Solange wir die Pferde nicht zu hart treiben, sollten niemand ein Problem bekommen."

Natürlich hatten sie Probleme, aber niemand fiel vom Pferd.




Die Jungen aus der Feldstrasse