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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 42

Es war Gunnar, der schließlich die die Wiedersehensfreude unterbrach und fragte:
"Was hat die Frühlingskönigin denn genau gesagt."
Es mochte sein, dass ihn seine Ausbildung dazu neigen ließ, Dinge genauer zu hinterfragen oder dass er inzwischen Tiscio zu genau kannte, aber die Aussage, dass "sie" die Festung nicht verlassen dürften, erschien ihm zu willkürlich und zu wenig mystisch für den Rat einer Frühlingskönigin.
Tiscio sah Gunnar an und überlegte kurz. "Hab ich doch gesagt. Dass niemand die Festung verslassen soll."
"Das Ding heißt Feste."
"Und außerdem hast du gerade gesagt, dass 'sie' die Feste nicht verlassen dürfen."
"Das ist doch dasselbe."
"Überhaupt nicht." Gunnar senkte den Kopf, um sich besser konzentrieren zu können. "Hat sie wirklich gesagt, dass Niemand die Feste verlassen soll?"
"Lass mich überlegen. Ja. Ich hab‘ gesagt, dass wir Hilfe bei der Verfolgung der Oravahler brauchen und da hat sie gesagt: Niemand darf die Feste verlassen", bei den letzten Worten hatte Tiscio ein wenig die Stimmer verstellt, aber keiner hätte nach dieser Vorstellung behauptet, auch nur annähernd ein Idee davon zu haben, wie die Frühlingskönigin tatsächlich geklungen hatte.
"Heißt das, dass da niemand wieder raus darf?"
Gunnar und Tiscio warfen Malandro verwirrte Blicke zu.
"Ich meine, wenn wir da reingehen, dürfen wir dann da auch nicht mehr raus?"
Gunnar wollte sofort eine Antwort geben, stellte aber fest, dass die Frage gar nicht so dumm war.
"Sollen wir dann wirklich da reingehen?"
"Jetzt sind wir so lange hinter ihnen her. Wollt ihr etwa sagen, dass wir jetzt kneifen?"
"Kneifen? Wir sollten uns erst einmal klarmachen, was wir hier eigentlich tun wollen."
"Und was ist das?"
"Naja, auf der einen Seite heißt es, dass da bisher niemand wieder rausgekommen ist. Und auf der anderen Seite, darf da keiner rauskommen."
"Wissen wir doch."
"Ich mein nur: was haben wir für eine Hoffnung in diesem Szenario? Niemand kommt raus, aber falls doch, dann sollen sie gar nicht rauskommen."
"Nur, weil die Hügelstätter sagen, es käme keiner mehr raus, heißt das doch nicht, dass das stimmt."
"Außerdem haben wir die SID", "SLD", "ja, richtig, die haben wir dabei."
"Und wenn da sowas wie ein Engel ist?"
"Warum sollte da ein Engel sein?"
"Dann halt ein Dämon. Ich mein ja nur, wie mächtig es sein könnte."
"Wir haben schon Dämonen gegenübergestanden."
"Ja, und wir hätten ziemlich alt ausgesehen, wenn da nicht der kleine Typ gewesen wäre."
"So einen bräuchten wir jetzt. Nicht die Hügelstätter."
"Und gegen die sind wir kleine Lichter. 'Ne Spezialeinheit aus Kampfmagiern. Was können wir da schon ausrichten."
"Wir haben vermutlich mehr Dämonen als sie gesehen."
"Und sind weiter rumgekommen."
"So toll sind die Hügelstätte auch nicht."
"Was habt ihr eigentlich dauernd gegen die Hügelstätte?" fragte Tiscio verärgert. "Dämonen werden verfolgt, man darf Magie verwenden und es scheint auch insgesamt ganz gut organisiert zu sein", aber niemand schien ihm zuzuhören. Stattdessen redete Malandro einfach weiter.
"Ich glaube, ich muss erst einmal darüber schlafen. Ich will da schon wieder rauskommen, wenn ich da reingehen."
Und wenn er geht, dann kann ich nicht kneifen, dachte Tiscio, der seinen Freunden besser zuhörte als sie ihm. Was Gunnar als nächstes begriff, wenn auch nicht sofort, denn er musste noch Ideen kundtun, die ihm im Kopf herumschwebten.
"Wir hätten noch zwei weitere Möglichkeiten, wisst ihr? Wir könnten uns alle in Niemand umbenennen oder die Wände als Draußen definieren." Nur Kol Therond begriff die Ideen sofort, verzog sein Gesicht jedoch nur zu einem müden Lächeln.

Natürlich schlossen sie sich am nächsten Tag den sechs Männern der SLD sowie Kol Therond an, um in die Feste einzudringen. Sie brauchten nicht einmal mehr darüber zu diskutieren. Sie nickten sich nur zu und gesellten sich zur Gruppe, die sich gerade zum Aufbruch bereitmachte.
Zu ihrer Überraschung wurde ihre Bitte um ein paar Waffen stattgegeben. Zu ihrer noch größeren Überraschung erhielten sie nicht nur keine Knüppel, sondern magische Waffen.
Vor ein paar Jahren wären sie allein schon vor der häretischen Idee zurückgeschreckt. Vor ein paar Monaten hätten sie zumindest noch angewidert den Kopf abgewendet. Inzwischen war der Gedanke, eine magische Waffe zu besitzen, faszinierend, denn angesichts der Gegner, denen sie sich konstant gegenübersahen, schein ein wenig Magie weniger ihrem Seelenheil zu schaden als viel mehr ihrem körperlichen Heil zu nutzen.
Zudem handelte es sich nicht um irgendeinen Schnickschnack, mit dem sie nichts anzufangen wussten oder deren Anwendung nur in den seltensten Fällen sinnvoll zu sein schien. Glücklicherweise wurde keine Diskussion in diese Richtung angeregt, da ansonsten der Streit zwischen Gunnar und den anderen beiden den Beginn der Mission unnötig verzögert hätte.
Als sie über die Mauer stiegen, war Gunnar im Besitz eines Schlagstocks mit einem senkrecht abstehenden Griff, Tiscio hatte sich eine selbstladende Handarmbrust gesichert und Malandro war stolzer Besitzer einer schweren Repetierarmbrust. Die Armbrüste bereiteten ihnen aus irgendeinem Grund Unbehagen, aber die potentielle Schlagkraft der Waffen ließ sie dieses Gefühl vergessen.

Der Angriff auf die Feste war am Ende relativ ereignislos, wenn man vom Ende absah. Sie suchten fast einen halben Tag nach dem Eingang, der sich schließlich auf der den Hügelstätten abgewandten Seite im Boden fand. Anschließend suchten sie einen weiteren Tag einen Weg aus dem ersten, leeren Stockwerk in ein anderes Stockwerk, welches mehr als Staub enthielt, bis sie schließlich zufällig auf die Oravahler stießen. Der Kampf war kurz und heftig. Zwei der SLD-Männer starben und schließlich stürzte ein Teil der Decke über ihnen ein, und begrub sie. Hinterher erfuhren sie, dass sie einen weiteren halben Tag benötigt hatten, um sich zu befreien und zu den Befestigungen zurückzukehren.
Inzwischen hatten sich die Oravahler in nördliche Richtung verabschiedet. Wächter der Türme hatten sie aufbrechen sehen, sie dann jedoch aus den Augen verloren, obwohl es keinen Ort hätte geben sollen, hinter dem sie sich hätten verstecken können. Nur ihre Fußspuren wiesen auf den Ort hin, an dem sie über die Mauer geklettert waren. Einer der SLD-Männer konnte die Spuren sogar noch bis zu einem Gehölz fünfzig Schritte auf der hügelstättischen Seite verfolgen. Damit beendete der Mann jedoch seine Arbeit.
"Befehl."
"Was für ein Befehl?"
"Das mag an meinen Anweisungen liegen. Ich fürchte, der SLD wurde nur für die Erkundung der Feste hierher beordert. So lautet ihr Auftrag, ihr Befehl. Wenn wir ihre Hilfe erneut benötigen, bin ich leider genötigt eine Anfrage zu stellen und das wird die Verfolgung verzögern. Aber ich werde Ornithopter zur Unterstützung anfordern."
Also akquirierte Kol Therond ein paar Pferde und sie führten sie an den Zügeln durch das Wäldchen.
Überraschenderweise vermissten die Jungs den Buttler und Malik, den Mechaniker. Sie waren nicht mit in die Feste gekommen und sie nachkommen zu lassen, hätte zu lange gedauert. Außerdem schienen sie selten etwas zu den Ereignissen der bisherigen Reise beigetragen zu haben.

Nachdem sie den Wald hinter sich gelassen hatten meinten sie noch eine Weile, einer Spur zu folgen, stellten gegen Mittag jedoch fest, dass sie bereits seit geraumer Zeit keinen Hinweis mehr auf den Durchzug der Oravahler gefunden hatten. Tiscio äußerte sich entsprechend.
"Ich hab auch seit langem keine Spur mehr gesehen", antwortet Gunnar.
"Aber hinter uns waren welche."
"Dann sollten wir ein Stück auf unserer eigenen Spur zurückkehren, bis wir uns wieder sicher sind." Kol Therond wendete bereits sein Pferd bevor das letztes Word seinen Mund verlassen hatte.
Und so ritten sie wieder zurück, den ganzen Weg, zurück bis zum Wald, wo sie noch den Durchzug ihrer Gegner an zerbrochenen Blättern bemerkt hatten. Nun waren sie selbst hindurch gewandert und überall fanden sich Pfade ihres waldmännischen Ungeschicks, welche jegliche Spur, der sie hätten folgen können, zerstört haben mussten.
"Dss hat's a getze gebracht", murrte Malandro, "hin und zurück, niemanden gefunden. Niemand hat sie überhaupt gesehen. Und was getze?"
Gunnar blickte sich irritiert im Wald um. Irgendetwas regte sich in seinem Verstand bei Malandros Worten.
"Was wollten die überhaupt im Norden?"
"Vielleicht zu ihrem Auftraggeber? Könnten ja auch Söldner sein."
"Oder das Horn ist da."
"Was ist denn im Norden?"
"Gnemiar", antwortete der Botschafter trocken.
"Nur noch Gnemiar?"
"Ein paar kleinere Städte, Viel Ackerland. Ein paar Festungen. Aber vor allem Gnemiar."
Wenn man von Oravahl und den ganzen Feinden, die sich ein Kolonialreich automatisch zuzog, absah, war Gnemiar neben den Hügelstätten der gefährlichste Feind des Königreichs Xpoch. Wo jedoch die Hügelstätte ihre Magie in Waffen steckte, die jene grandiosen Erfindungen des Reiches zu verspotten schienen, waren die Krieger aus Gnemiar mit Dingen ausgestattet, die nur noch wenig mit irgendwelchen Waffen gemein hatten, deren Tödlichkeit jedoch in nichts derjenigen der Waffen ihrer Nachbarn nachstand.
Und wenn dies noch nicht genug war, damit man sie zu fürchtete, hielten sich seit Jahren die Gerüchte, dass jedweder Fremde, der ihre Grenzen überschritt versklavt wurde, in Körper und in Geist.
"Und Oravahler sollen Verbündete in Gnemiar haben? Bei den Gedankenräubern?"
"Gemeinsame Feinde?"
"Warum sind sie nicht gleich dahingeflogen?"
Darauf konnte niemand sofort eine Antwort finden.
"Vielleicht", vermutete Gunnar, "Wollten sie eine falsche Spur legen."
"Möglich."
Wieder schwiegen die Mitglieder der kleinen Verfolgergruppe und scharrten im Waldboden.
"Aber in Richtung der Feste haben sie sich erst aufgemacht, nachdem sie abgestürzt sind."
"Nachdem wir sie vom Himmel geholt haben", grinst Tiscio nach Malandros Worten. Aber es waren nur ein kurzes Grinsen, denn seine Gedanken waren schon die ganze Zeit, seitdem sie die Feste verlassen hatten, mit etwas anderem beschäftigt.
"Vieleicht sind sie gar nicht hier lang gekommen, sondern bereits im Wald in eine andere Richtung abgebogen."
"Vielleicht sind sie die ganze Zeit getarnt gewesen."
"Mit Farbe und Kleidung?"
"Sie sind doch auch irgendwie aus der Feste gekommen? Wahrscheinlich haben sie da irgendeine Magie bekommen."
"Stimmt, das ist die andere Frage, die wir uns die ganze Zeit hätten stellen sollen."
"Die Ornithopter hätten uns sicher helfen können."
"Wo sind die Flatterfiecher überhaupt. Hätten wir nicht längst welche sehen sollen?"
"Es wäre denkbar, dass sie eine andere Route geflogen sind und wir sie verpasst haben, aber es ist wahr, ich hätte erwartet, dass sie uns eingeholt hätten."
"Wir haben so gründlich die Spur verloren, dass ich mich langsam frage, ob die Oravahler tatsächlich über die Mauer gekommen sind."
"Aber warum, Tis", fragte Malandro, "waren dann Spuren an der Mauer?"
"Vielleicht sind sie einfach wieder umgekehrt."
"Und vielleicht greift schon die Armee der Untoten Xpoch an."
"Wir ... Wir haben wirklich keine Ahnung mehr, was wir hier eigentlich tun, nicht wahr?"
Tiscio stellte sich neben Kol Therond und fragte ihn leise.
"Äh, Herr Botschafter. Ich ... wir ... ich meine, glauben sie an den Stab? Es heißt, dass er der Gott der Hügelstätter sei. Natürlich kann es nur einen Gott geben, aber ..."
"Eine interessante Frage zu diesem Zeitpunkt. Ist es das, was sie auf dem Ritt umgetrieben hat?"
"Mhm, ja. Ich dachte nur, glauben sie daran?"
"Ich kann nicht sagen, dass ich ein wahrer gläubiger bin, aber es ist schwer nicht von der Existenz des Stabes überzeugt zu sein, wenn man ihn mit eigenen Augen gesehen hat. Aber ein moderner Hügelstätter muss sich doch fragen, ob ein antiker magischer Gegenstand, geschaffen von toten Göttern unsere höchste moralische Instanz sein sollte."
"Dann hat der Stab schon macht?"
"Dazu kann ich wenig sagen, außer, dass er der einzige 'Gott' zu sein scheint, der seinen Priestern die macht gewährt, Wunden zu heilen."
"Ahm", setzte Tiscio an, mit der festen Absicht, etwas über die Frühlingskönigin zu sagen, besann sich jedoch eines anderen, wenn schon nicht besseren. Er war nicht gewappnet für eine Diskussion über eine Religion, deren Grundlagen er selbst immer noch nicht verstand.
"Warum ich frage ... können wir vielleicht ... wenn die Priester Macht haben, dann können sie uns vielleicht helfen?"
"Es tut mir leid, Herr Canil, aber ich fürchte, so weit gehen die Kompetenzen der ehrwürdigen Herren und Damen nicht."
"Und was ist mit den Magiern in Gnemiar?", mischte sich Malandro ein.
"Das sind nicht nur Magier. Angeblich haben sie die Runenmagie wiederentdeckt, was ich nicht bestätigen kann, was ich jedoch zu glauben bereit bin, nachdem ich ihre Magie erlebt hat."
In Tiscios und Malandros Verstand ließ Kol Theronds Antwort unzählige Fragen herumtoben, was jedoch nicht für Gunnar galt: "Könnten die uns helfen?"
Der Botschafter stutzte, fing sich jedoch schnell: "Vermutlich könnten sie es. Wenn es noch Magier gibt, die es könnten, wären sie es. Aber sie würden es nicht tun. Was sie mit mir anstellen würden, will ich nicht einmal überlegen. Euch würden sie bestenfalls mit einer großen Lücke in eurem Gedächtnis zurückschicken."
"Vielleicht", wandte Malandro ein, "wollen sie sie anheuern. Sie sind Oravahler. Sie haben keinen Krieg mit Gnemiar."
"Wenn sie denn tatsächlich weiter nach Norden gegangen sind."
Nach diesen Worten wandten sie sich schweigend der Mauer zu.




Die Jungen aus der Feldstrasse