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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 47

Ihr Kurs änderte sich im Laufe des nächsten Tages, während sie der Richtung folgten, die der gläserne Kompass anzeigte, Sie waren die Nacht durchgeflogen, wobei sich Heldri Urifn und Kol Therond alle paar Stunden ablösten. Gunnar hatte darauf verzichtet, seine Hilfe anzubieten, obwohl er sicher war, dass er die beiden hätte entlasten können.
Und obwohl jede Unterhaltung anstrengend war, da man ständig gegen die Fluggeräusche anschreien musste, ergab die beständige Langeweile und der verzweifelte Versuch, nicht mehr zur Raten was irgendwer sieht, dass Kol Therond ihnen einiges von dem erzählte, was er alles in Torath erledigt hatte.
Zuerst hatte er in der Akademie eine Gruppe an Magiern aufgesucht, von denen neun sich mit der Verzauberung des Kompasses befasst hatten, um allen weiteren Vorbereitungen überhaupt einen Sinn zu geben. Anschließend hatte er sich ausgiebig von Historikern, Geografen und Divinatoren beraten lassen, die sein Augenmerk auf die Wüste der Verzweiflung gelenkt hatten.
Dass er dies erwähnte, kam nicht ganz zufällig, denn ihr neuer Kurs schien sie direkt dorthin und zu einem Gebirge in ihrem Zentrum zu führen. Das Besondere an diesem Ort war, wie er den Xpochlern, die im Glauben Hetrados erzogen worden waren, zu ihrer Schande erklären musste, dass einer alten Legende zufolge, die definitiv nicht kanonisch war und vermutlich nur noch Kindern erzählt wurde, der erste Priester des Hetrados dort die alten Götter getötet haben sollte. Da das Auftauchen der Hetradoniden mit dem Verschwinden der Götter zusammenfiel, steckte zumindest soweit ein Funken Wahrheit in der Erzählung, auch wenn die Kausalität nicht unbedingt bestehen musste. Wenn jedoch dies der Ort war, zu dem die Oravahler zusammen mit den Männern des SLD unterwegs waren, dann sprach vielleicht irgendetwas für diese Gegend als Ort der Macht, zu dem sich das Ende des Mahlstroms verbunden haben mochte.
"Ein Gebirge?"
"Das ist korrekt."
"Also nicht nur ein Berg, und mit Höhlen."
"Davon können wir ausgehen, Herr Sabrecht."
"Und wie sollen wir sie dort finden?"
"Wenn wir sie dort suchen müssen, ist es dann überhaupt noch sinnvoll, da reinzugehen? Ich mein nur, dass wir kaum eine Chance gegen sie haben werden."
Soweit hatte der Botschafter nicht zu denken gewagt, denn wenn es ihnen nicht gelang, sie zuvor abzufangen, dann würden ihnen keine realistischen Optionen mehr bleiben.

Am späten Nachmittag verkündete Kol Therond, dass sie ihre Wasserreserven auffüllen würden, bevor sie in die Wüste hineinflögen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich über einem Gebiet, welches der Hügelstätter Bogon nannte. Der Name beschwor einige dunkle Erinnerungen an das bisschen Erdkunde herauf, welches sie in der Schule gehabt hatten. Es ging dabei hauptsächlich um die Gebiete, die zu Xpoch gehörten sowie ihre Feinde. Aber Bogon war ihnen in Erinnerung geblieben, weil dort weder Menschen noch eine der anerkannten menschenähnlichen Rassen lebten. Die Wesen dort seien fast so etwas wie Dämonen, mit gräulich brauner Haut, Hauern, die aus dem Unterkiefer hervorragten, seltsam gemusterter Kleidung sowie einer Kultur des Ehrenselbstmords. Der Name war irgendetwas unaussprechliches gewesen.
"Yaragujin. So bezeichnen sie sich selbst. Die Hügelstätte haben bereits vor langer Zeit diplomatische Beziehungen zu ihnen aufgenommen. Es ist jedoch kein Botschafter für Bogon bestellt."
"Also sind die Reiter dahinten irgendwelche Monster."
"Wenn sie auch Zwerge und Gnome als Monster bezeichnen wollen, dann ja. Aber sie besitzen eine eigene, alte Kultur, die der unseren nur fremd ist. Und ich wage zu behaupten, dass es auf dieser Welt fremdartigeres Gibt, von dem wir nur noch nichts wissen."
"Dann müssen wir uns also nicht beeilen?"
"Nun ja. Nur weil sie keine Monster sind, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie mit Freude auf fremde reagieren, die ungebeten weit im Innern ihres Reiches auftauchen. Bestenfalls könnten wir uns auf einige unfreundliche Worte gefasst machen, die wir jedoch nicht verstehen würden, was die ganze Angelegenheit verkomplizieren würde."
"Und schlechtestens?"
"Es heißt, dass die Yaragujin immer noch Schwerter bei sich führen und auch gewillt sind, mit ihnen Köpfe vom Rumpf zu trennen."
"Dann müssen wir uns verteidigen."
"Und eine internationale Krise heraufbeschwören? Ich denke nicht. Außerdem wollen wir unser Vorankommen nicht verzögern. Also keine Müdigkeit vorschützen."
Unterdessen hatte der Pilot die Energiezelle ausgewechselt. "Es ist zwar noch Saft drauf, aber wenn wir auf sie stoßen, will ich nicht auch noch auf den Energiestand achten müssen."
Was alle für eine kluge Entscheidung hielten, aber mit Ausnahme von Gunnar von den Xpochlern keiner wirklich verstand.

Wenig später nährten sich Einheimische auf kleinen Pferden in einem vorsichtigen Galopp, was sie aber bereits aus dem Fenster des Ornithopters beobachten konnten. Mit dem Start verlangsamten die Yaragujin ihren Ritt und blickten ihnen nur noch nach anstatt ein paar Pfeile auf sie zu verschießen.
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile über diese Fast-Begegnung, denn es war bei weitem das aufregendste, was sie während dieses Fluges bisher erlebt hatten - bis Urifn sachlich feststellte: "Da sind sie."
"Und nicht zu früh." Der Pilot deutete nach vorne auf das sich abzeichnende Gebirge.
"Es wird Zeit, dass wir Nutzen aus den Vorbereitungen schöpfen, die ich habe treffen lassen."
Kol Therond wandte sich den Hügelstättern zu: "Wenn ihr so geneigt wäret, einen Blick in die Mitte der Kabine zu werfen", er deutete auf eine Klappe im Boden. "Wenn jemand an dem Ring ziehen würde?"
Malandro war der erste, der sich abschnallen konnte. Er krabbelte zur Klappe und öffnete sie, was nicht ganz leicht war, da es die Mechaniker mit der Passform sehr genau genommen hatte. Neben einem Blick auf den Boden unter ihnen kam eine Art Brille an Röhren sowie zwei Griffe an einem zwei Hand breiten Kasten von unbestimmter Länge zum Vorschein, der unter der Spitze des Ornis verschwand.
"Ah, Herr Sabrecht. Wenn sie einen Blick durch das Periskop werfen wollen ..."
"Das was?"
"Die Brille da", rief Gunnar. "Damit kannst du nach vorne schauen, ohne den Kopf aus dem Loch zu stecken. Vielleicht sollte ich ..."
"Ich mach das schon", und damit presste er seinen Kopf gegen das Periskop. "Wow ... es bewegt sich sogar ... aber nicht viel ... was machen die Griffe?"
"Sie steuern die überschwere Repetierarmbrust. Nicht ausprobieren! es sind nur zehn Bolzen geladen. Zum Nachladen müssen wir landen."
"Is‘ gut. Aber so richtig kann ich nicht zielen, nich'?"
"Nur ein wenig. Herr Urifn muss uns erst in eine entsprechende Position bringen, dann ist es an ihnen ihren Spielraum auszunutzen und den Abzug zu ziehen."
"Ist gut. Aber vielleicht ein wenig Vorwarnung." Dabei grinste er Gunnar an, der seine Lippen zusammenpresste.
Malandros grinsen verschwand sehr schnell, als der Pilot den Kurs korrigierte und er durch die Kabine geschleudert worden wäre, wenn er sich nicht an den Griffen der Armbrust festgehalten hätte.
"Ich setze mich hinter sie."
Ein weiter schwenk, diesmal jedoch nicht ganz so ruckartig.
"Harren sie noch einen Augenblick aus, Herr Sabrecht. Unser Gegner hat uns offenbar entdeckt und ist dabei, Geschwindigkeit aufzunehmen."
"Warum haben sie das nicht schon vorher gemacht?" fragte Tiscio.
"Die Mechanik hält das nicht so lange aus und ich vermute, dass es den Saft schneller verschlingt."
"Sehr richtig, Herr van der Linden."
Malandro warf einen Blick durch das Periskop, wobei er vermied, zu sehr daran zu denken, dass ein Teil von ihm keinen Boden mehr unter sich hatte. Ab und zu konnte er etwas am Himmel vor ihnen entdecken, das er für den anderen Ornithopter hielt und mit der Zeit konnte er seine Vermutung bestätigt sehen. Sie holten auf, aber gleichzeitig kamen sie auch dem Gebirge immer näher.
Obwohl Malandro es überhaupt nicht sehen konnte, während er sich auf ihren Gegner konzentrierte, hob Kol Therond die Faust und sagte: "Warte!" und Mal wusste automatisch, was der Botschafter meinte. "Warte! Noch ein Stück."
"Nur noch ein wenig."
"Jetzt."
Malandro zog an den Griffen, um das kleine Kreuz im Periskop auf den feindlichen Ornithopter auszurichten. Endlich überschnitten sich die Markierung und das Ziel und er zog am Auslöser. Es war sein erster Versuch und er verriss sein Ziel. Der erste der kostbaren Bolzen verfehlte sein Ziel.
"Grabenschleim!" brüllte er, aber Therond schrie nur "Noch mal" zurück.
Also zielte Malandro erneut und dieses Mal wusste er, wie sich der Abzug verhalten würde. Es war fast zu einfach, aber natürlich gehörte eine ruhige Hand und ein gutes Auge dazu, wie er später immer wieder betonte.
Der Bolzen traf den rechten Flügel und der Orni verlor sofort an Höhe, als der Flügelschlag für einen Augenblick unregelmäßig wurde.
Er konnte anschließend nicht sagen, ob ihre Gegner dadurch langsamer geworden waren, aber vielleicht ließ sich das Fluggerät etwas schlechter steuern. Vor allem verlor er jedoch den Orni sofort aus den Augen, denn der Pilot im anderen Cockpit begann mit Ausweichmanövern, die Urifn auszugleichen versuchte.
"Gleich!"
"Bereithalten!" kamen nacheinander weitere Anweisungen von vorne und Malandro faste die griffe erneut fester.
Mehrfach wischte der Gegner durch seine Sicht und er war versucht auf gut Glück abzudrücken. Einfach ein paar Mal den Abzug zu ziehen, bis einer der Bolzen ein Ziel fand. Aber er beherrschte sich, bis endlich Kol Therond schrie "Jetzt!" Und Mal drückte ab.
"Volltreffer!" schrie der Pilot und Mals Freunde jubelten ihm zu.
"Aber nicht genug, um sie herunter zu holen. Vorsicht, er zieht hoch", drückte der Botschafter die Stimmung wieder herunter.
"Verdammt! Ich sehe ihn nicht!" Urifn beugte sich vor, um einen Blick auf den Gegner zu erhaschen, während er ebenfalls hochzog.
"Da!"
"Schon wieder weg."
Und so ging es einige Minuten weiter, während sie sich immer noch dem Gebirge näherten.
"Was macht der?"
"Der will uns rammen."
"Hochziehen."
"Noch nicht. Das können zwei spielen."
"Sie sind verrückt."
"Darum haben sie mich genommen." Der letzte Satz wurde durch zusammengepresste Zähne hervorgepresst, während sich die Hände des Piloten um seine Steuerknüppel verkrampften.
Die Xpochler konnten nur beobachten, wie sich Kol Therond krampfhaft gegen die Armaturen abstützte und aus den Gesprächsfetzen das schlimmste erahnen. Besonders Malandro schwante nichts Gutes, da er der einzige war, der nicht angeschnallt war. Er hätte gerne die Klappe geschlossen, um in diesem Moment nicht nach unten sehen zu müssen, aber dann hätte er seinen einzigen Halt verloren. Er hoffte nur, dass ein Zusammenstoß nicht die Armbrust abreißen und ihn aus der Kabine zerren würde.

Dann kam der Aufprall.




Die Jungen aus der Feldstrasse