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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 48

Ein gewaltiger Ruck durchzog den Ornithopter. Mal wurde nach vorne geschleudert und konnte sich gerade noch so lange an den Griffen der Waffe festhalten, um nicht unter dem Sitz des Piloten zu landen. Pilot und Copilot stießen sich fast den Kopf an den Armaturen, während die seitlich Angeschnallten mit blauen Flecken und Verspannungen im Hals davonkamen.
Urifn hatte im letzten Moment die Maschine zum linken Flügel des Gegners geschwenkt und ihn fast abgerissen. Er war nicht glücklich darüber gewesen, dem Zusammenstoß nicht mehr ausweichen zu können, fand aber, dass er das Beste daraus gemacht hatte.
"Das ist, was ein richtiger Pilot macht!" brüllte er, während er sich vorbeugte, um besser beobachten zu können, wohin der andere Ornithopter flog.
Tatsächlich war er ins Trudeln gekommen und stürzte in Richtung des Gebirges ab. Urifn verringerte die Geschwindigkeit und zog eine weite Schleife, um den Aufprall beobachten zu können.
"Mit dem werden sie nicht noch mal fliegen."
"Ich hoffe, dass sie nicht einmal mehr gehen können."
"Was jetzt? Landen und nach Lebenden suchen?"
"Wir bleiben noch eine Weile in der Luft. Ich möchte sichergehen, dass wir keine Überraschungen erleben, wenn wir uns ihnen nähern."
"Welche Überraschungen? So wie der Aufprall war, kann da nichts mehr leben."
"Ich bin mir da nicht so sicher."
Kol Therond warf einen Blick zurück zu den Fluggästen, die sich immer noch an ihren Gurten (und in einem Fall an der Armbrust) festhielten. Sie waren aber bereits wieder klar genug, um ihm mit ihrem Minenspiel zuzustimmen.
Also kreisten sie vielleicht eine halbe Stunde und beobachteten die Bewegungen am Boden, oder viel mehr den Mangel an Bewegungen. Trotzdem war sich der Botschafter nicht sicher und sie gingen in einiger Entfernung hinter Felsen hinunter, immer mit einem Blick auf die Landschaft, ob sich nicht doch noch etwas bewegte.
"Und was, wenn sie unsichtbar sind?"
"Damit kommste getze?"
"Wieso? Wir fragen uns doch schon die ganze Zeit, wie sie aus der Feste gekommen sind."
Statt zu antworten stieß Malandro ein "Uff" hervor, als der Ornithopter aufsetzte.
"Was machen wir jetzt?"
"Wir nehmen uns unsere Waffen und arbeiten uns vorsichtig zur Absturzstelle vor."

"So hatte ich mir das nicht vorgestellt."
"Pscht, Tis, wir schleichen uns an."
"Ich mein' nur. 'Wir' nähern uns an. Und Kol bleibt hinter uns."
"Ich find's ja auch bastig. Aber der hat halt die besseren Zauber."
Sie schlichen ein Stück weiter, bis Gunnar anmerkte: "Was ist, wenn sie nun unsichtbar sind? Was würdet ihr zuerst tun?"
"Uns auflauern."
"Nein, den Ornithopter kapern."
"Was meinst du mit 'den Orni kapern'?"
"Sie haben keinen mehr und wenn sie zurückwollen, dann brauchen sie ihn."
"Grabenschleim. Wir müssen zurück."
"Moment. Ich hab‘ ‘ne bessere Idee."
"Besser, als Urifn Bescheid zu sagen?"
"Ne, besser als zurückzulaufen."
"Was?"
"Kol hat vielleicht die tollen Zauber, aber ich kann auch was."
"Mit den Fingern wedeln?"
"Nicht lustig. Und getze mal still."
Tatsächlich machte er ein paar Fingerübungen und murmelte dazu einige Wörter.
"Das sollte es tun."
"Was hast du gemacht?"
"Ich hab' ihm 'ne Nachricht geschickt."
"Und deswegen glaubt er das jetzt?"
"Die Hügelstätter haben doch kein Problem mit Magie und was ist daran nicht zu glauben, dass es besser wäre, nicht am Boden zu bleiben?"
"Wir werden's sehn."
In diesem Moment war das Flappen der Flügel zu hören und Malandro grinste seine Freunde an.
"Jau, wir sehn."

Was sie ebenfalls sahen, war ein abgestürzter Ornithopter mit eingedrückten Wänden, zerschmetterten Fenstern und abgeknickten Flügeln. Worauf sie gerne zu sehen verzichtet hätten, waren die Leichen in der Kabine. Sie konnten fünf Männer vom SLD zählen und vier, die vermutlich die Oravahler waren.
"Ich gehe rein." Verkündete Gunnar, nachdem sie die Körper eine Weile betrachtet hatten ohne sich zu bewegen. Tiscio verdrehte die Augen und folgte ihm.
Als erstes trat Gunnar einem der SLDlern auf die Hand. Es fühlte sich komisch an, und er verspürte einen gewissen Widerwillen, aber wenn er tot war, sollte es ihm nichts ausmachen und wenn nicht, nun ja, dann tat es hoffentlich richtig weh.
Seitdem Gunnar die Ausrüstung der SLD gesehen hatte, hatte er ihre Kampfwesten bewundert. Nicht wegen des Schutzes, den sie boten, sondern wegen der Taschen die überall aufgenäht waren. Für ihn als Erfinder war es immer ein Problem, all sein Werkzeug, seine Utensilien bei sich zu tragen, wenn er arbeitete. Wenn sich auch nur irgendeine Gelegenheit ergab, würde er sich eine von diesen Westen schnappen und nicht mehr ausziehen.
Er war schon kurz davor, die Knopfleiste anzufassen, als Tiscio hinauskletterte, um seinen Freunden Bescheid zu sagen, dass alle tot zu sein schienen.
Mit einem "SCHLEIM!" kam er sofort wieder zurück, als ein Bolzen über ihn hinwegschoss.
"Die haben auf uns gewartet."
"Warum haben sie dann nicht vorher geschossen?"
"Vielleicht, damit wir alle hier zusammenstehen."
"Was macht Malandro?"
"Ich glaub' er zaubert."
"Noch ‘ne Nachricht?"
"Vermutlich seinen Schutzzauber."
"Der, den er sonst immer erst hinterher macht?"
"Passt doch. Der erste Schuss ist schon über uns weg."
"Dann lass uns zurückschießen." Gunnar griff sich zwei Handarmbüste der SLDler und sie krabbelten vorsichtig aus dem zerbrochenen Fenster des Ornis.
"Siehst du einen?"
"Na, da seid ihr ja wieder. Was hat euch aufgehalten?"
"Nur ein paar Bolzen."
"Das war getze nicht so schlagkräftig."
"Könnt ihr aufhören? Wir haben andere Probleme. Hast du jemanden gesehen?"
"Dahinten war eben einer."
Malandro deutete zu ihrer Rechten und sowohl Tis als auch Gunnar schoben ihre Armbrüste vor, um ihnen mit ihren Köpfen zu folgen. Und tatsächlich sah in diesem Augenblick ein Kopf über einen Felsen und beide Jugendliche feuerten je einen Schuss ab. Sie hätten genauso gut nicht hinzugucken brauchen, so ungezielt waren ihre Versuche. Glücklicherweise zogen sie sich sofort wieder zurück, denn die Antwort kam sofort und verfehlte sie nur knapp.
"So wird das nichts."
"Seh‘ ich auch so."
"Gunnar, gib uns Feuerschutz."
"Seid ihr komplett dösbaddelig? Ihr wollt näherrennen?"
"Von hier aus treffen wir gar nichts. Wir müssen sie in die Zange nehmen."
"Und was macht euch jetzt zu den Helden? Kol Therond kann auch was machen."
"Was ist da los?" Tiscio unterbrach die Diskussion mit einem Blick nach hinten. Automatisch folgten ihm die Augen seiner beiden Freunde ihm und so konnten sie beobachten, wie Wintur sich aus einer Deckung löste und auf einem viel zu langen Weg die nächste aufsuchte. Die Strafe für so viel Dummheit folgte auf den Fuß, als drei Bolzen auf ihn abgefeuert wurden. Wenigsten einer traf ihn und er ging zu Boden.
Es blieb den dreien aber keine Zeit auf irgendeine Art zu reagieren, denn plötzlich war ein lauter Knall aus der Richtung zu hören, aus der wenigstens zwei der Bolzen gekommen waren. Begleitet wurde der Knall von einem blendenden Licht und einer Hitzewoge, die ein paar kleinere Haare zusammenrollen ließ.
"Wow, was war das."
"Ich glaub das war, was Kol machen konnte." Alle drei blickten erneut über ihre Deckung hinweg und konnten einen verkohlten Felsen sehen. Ihre Aufmerksamkeit wurde jedoch sofort von einer anderen Stelle auf sich gezogen, aus der ein Mann aufsprang und in Richtung der Berge lief. Er war erstaunlich schnell.
Malandro feuerte einen Bolzen hinter dem Mann her, der ihn jedoch verfehlt, und nahm die Verfolgung auf, während die Ladearme unter der Armbrust die Sehne zurückzogen und die Feder im Magazin einen Bolzen nachlegte.
Unterdessen wandte sich Tiscio Wintur zu, den er schnell erreichte. Er beugte sich sofort zu ihm hinter, um ihn zu untersuchen, wurde jedoch von seinem Vorgesetzten abgewehrt, der sich einen Streifschuss am Kopf hielt.
"Warum haben sie das gemacht? So einfach losrennen."
"Damit es keiner von euch machen muss?"
"Was für eine Schnapsidee."
"Der Therond wollte die Oravahler rauslocken. Er wollte ein gutes Ziel haben."
"Trotzdem."

Gunnar war in die andere Richtung zur Explosionsstelle gegangen. Er hielt beide Armbrüste vor sich und hoffte, dass er wenigstens mit einer treffen würde, wenn sich ihm etwas in den Weg stellte. Was er fand würde jedoch nie wieder stehen, was zumindest insoweit erleichternd war, dass es ihn nicht angriff. Trotzdem war der Anblick nicht erfreulich. Die Haut der beiden Körper, die er vorfand, war weitgehend weggebrannt. Dort wo sie Fleisch hätte freigeben müssen, zeigte sie stattdessen Metall. Sehr wahrscheinlich war es ehemals wie Muskelstränge geformt gewesen, jetzt aber unansehnlich verschmolzen. Einige Metallteile standen hervor und verstärkten den Eindruck des Nichtmenschlichen. Mehr zu seiner Beruhigung als dass er glaubte, dass die einfachen Bolzen etwas bewirken konnten, versenkte er in jeden der Köpfe einen Schuss.
Dann dachte er an Malandro, der immer noch hinter dem dritten her war, und brüllte nach Tiscio, während er losrannte.
Es war eine Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen, als er zusehen musste, wie Malandro stehen blieb und einen weiteren Schuss auf den Oravahler abgab. Man konnte deutlich sehen, wie der Flüchtende von dem Aufprall dazu gezwungen wurde, nach vorne zu stolpern. Aber das ihm ein Geschoss im Rücken steckte, schien ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten. Stattdessen schien er noch schneller zu laufen.
Malandro zögerte einen Augenblick, zu geschockt von dem, was er gerade gesehen hatte. Seine Starre wurde nur von einem Blick nach oben unterbrochen, als der Ornithopter über ihn hinwegflog. Er war versucht, dem Piloten eine weitere Nachricht zu schicken, aber was hätte er sagen sollen? "Verfolg ihn, aber pass auf, der ist Bolzenfest"? Er verfolgte ihn sowieso, und was hätte Urifn mit "Bolzenfest" anfangen sollen. Oder vielleicht "Komm runter und nimm mich mit"? Dabei würde zu viel Zeit verloren gehen und was hätte er selbst dann tun sollen, außer an der Armbrust zu hängen, bei der er sich sehr gut vorstellen konnte, dass sie nicht für den Einsatz gegen Ziele am Boden geeignet war.
So blickte er dem Orni nur hinterher, um wenig später doch zu bedauern, dass er nicht wenigstens irgendeine Warnung übermittelt hatte.
Es war hinterher nicht ganz klar, was Urifn vorgehabt hatte und er schwieg sich auch gründlich darüber aus, aber er flog sehr niedrig, vielleicht, um den Mann mit dem Fluggerät zu rammen - was selbst Gunnar für selbstmörderisch (wenn auch ziemlich Groß) gehalten hätte.
Niedrig in diesem Zusammenhang bedeutete vielleicht zehn Meter, eine Höhe, die für die meisten Manöver ausgereicht hätte, aber bis auf eine genauere Beobachtung des Gegners kaum einen Mehrwert aufwies.
Im Gegenteil schien es eine der größten Dummheiten zu sein, die der Hügelstätter in diesem Zusammenhang hätte machen können, außer vielleicht zu landen und dem Oravahler den Ornithopter mit Handschlag zu überreichen.
Denn was die Xpochler und auch Kol Therond die ganze Zeit befürchtet hatten, bewahrheitete sich.
Der flüchtende drehte sich um und Sprang dem Ornithopter auf die Schnauze.




Die Jungen aus der Feldstrasse